Es ist eine andere Art von Liebe der Seele beim Pflegekind

 Es ist nur eine andere Art von Liebe der Seele.

Die Seele fragt nicht danach, ob es das gleiche Blut ist,
wenn das Kind angenommen ist.

Der Mensch macht sich viele Gedanken, aber was zählt, sind die Taten!

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Arthur zu verbinden…

Arthur ist gleich da, in seiner Haltung fast schüchtern, er hält etwas in den Händen, das er dreht.

Ich kann es nicht genau erkennen, entweder ein Hut oder eine Mütze, seine Hände sind groß, kräftige Gelenke.

Er lächelt, schaut mir über die Schulter und korrigiert meine Rechtschreibung: “d-a-ß mit ss“.

U: Danke Arthur, aber wenn du jetzt alle Fehler, die ich tippe, korrigierst, kommen wir nicht weiter…

A: Ach so? Aber das kann man doch so nicht schreiben…

U: Das korrigiert der Hajo nachher, lass mich einfach meine Fehler machen…

A: Dann seh ich lieber nicht hin…

U: Das ist in Ordnung, machs dir doch gemütlich!

A: Ach nein, ich steh lieber. (Schaut aus dem Fenster auf unseren Teich, seufzt.)

Wird schon wieder Herbst, hast du die Blumen schon reingeholt?

U: Nein…

A: (Seufzt wieder.) Wenn meine Frau noch wäre…

Aber, ach so, ja…

Lächelt: Ich ja jetzt auch! Ich bring das jetzt aber durcheinander!

U: Was bringst du durcheinander?

A: Na, die Leben, das ist ja nicht leicht…

U: Wie geht es deiner Frau?

A: Lieb…

U: Sie ist lieb?

A: Wir haben uns jetzt lieb… alle… schön…

U: Das freut dich?

A: Ja… ich weiß nicht…

U: Was weißt du nicht?

A: Ob ich mich das trauen soll…

U: Das sich freuen?

A: Verlieren ist schlimm…

U: Ja, aber jetzt hast du sie doch alle wieder!

A: Ja, das sagen sie auch… seufzt… ich glaub, ich brauche noch Zeit…

Sie sagen, es wird Zeit, dass ich mich traue, ist gar nicht so einfach, aber ich versuchs…

Weißt du, ich hab immer Mitleid gehabt, immer, die Welt war mir schon als Kind ganz unverständlich…

Warum geschieht, was geschieht… kann das einer erklären? Nur der Albrecht, ich kann ihn fragen, ich verstehe es ja!

Ich wills ja verstehen!

Aber dann bin ich doch wieder traurig und frag mich, warum die Welt so sein muss, wie sie ist… jaaaaaaaaaaaa… da müssen sie wohl Geduld mit mir haben…

Er spricht sehr langsam, fast, als ob er mit sich selbst redet und ich hab auch wirklich den Eindruck, als ob er zumindest gegen Ende seines Lebens genau das getan hat.

A: Seufzer: Ich wäre so gerne zuhause geblieben!

U: Nicht im Krankenhaus gestorben?

A: Ach, das? Nein, überhaupt… aber ich musste weit weg… hab ich auch alle wieder gesehen.

U: Wen?

A: Meine Kameraden… ich habs nicht verstanden, dass kann doch kein normaler Mensch verstehen, was der Mensch dem Menschen antut!

U: Nein… das ist schwierig, der Albrecht wird’s dir sicher erklären, es ist schön, dass du so viel Mitgefühl für deine Mitmenschen hast…

Darauf antwortet er nicht, stattdessen zieht er einige Fotografien aus der Hosentasche (inklusive einem großen Stofftaschentuch, einem kleinen Taschenmesser und einem Schlüsselbund).

A: Hier, das waren wir… das waren wir, als wir jung waren und das waren wir am Rhein, und das waren wir, als ich meine. Du hörst ja gar nicht zu?!

U: Du bist so schnell… aber ich fühle, wie sehr du sie geliebt hast!

A: Hab ich! Hab ich! Das soll sie wissen, ich hab sie lieb!

U: Die Greta?

A: So ein Kind, das wächst einem ans Herz, verstehst du? Du hast einen Pflegesohn!

U: Ja…

A: Du musst dir keine Sorgen machen, die Liebe bleibt! Das ist wahr!

Die Seele fragt nicht danach, ob es das gleiche Blut ist… es ist nur eine andere Art von Liebe, und weißt du was?

Das ist auch so gewollt! Ist alles gewollt!

Jahaaaaaaaa, bis zum letzten Atemzug… ja, wenn man das erst einmal versteht!!!

Sag ihr das also, dass ich sie liebe!

Sag ihr, sie hat mir nicht das Wichtigste im Leben ersetzen können, aber sie hat es so gut gemacht, wie es nur geht!

U: Mach ich…

A: Ein Vater ist aber trotzdem der Vater, ich meine, der leibliche, und die Mutter ist trotzdem die Mutter, leiblich, mein ich. Das kann man einfach nicht verdrehen… das ist so… ja… was wollte ich jetzt sagen?

Ach so, ja! Einem Kind gibt jeder seins, verstehst du?

Jeder seins, dass, was er eben hat…

Wenn sie ihren Vater verstehen will, muss sie den Albrecht betrachten… ja… aber ich, ich hab sie lieb und das ist, was ich ihr geben konnte.

Da gibt’s so viele Beispiele, der Albrecht hat es mir so erklärt: Wenn man ein guter Gärtner sein will, weil man die Blumen lieb hat, muss der Gärtner dann selbst eine Blume sein? Nein!

Das ist es doch, das macht uns doch erst zu Menschen, das wir auch lieb haben können, was anders ist als wir, ja…

Aber der Albrecht sagt, dass Seelen erst weit gekommen sein müssen, bis sie das verstehen.

Er sagt, ich bin so eine Seele, deshalb hab ich soviel Mitgefühl… aber, ob ich das glauben kann? Das weiß ich noch nicht… ich fühl mich nicht weit gekommen…

Kannst du Karten spielen?

U: Ja, Rommé, Canasta…

A: lacht: Ja, ja…

Er lässt seine Hand wieder in der Hosentasche verschwinden und zieht eine blitzblanke Kastanie raus… dann zeigt er mir Tiere und Figuren, die mit Kastanien gebaut sind: Ob sie sich daran wohl erinnert?

Ich fand das so schön, wie die so auf der Fensterbank standen… ja, an so was konnt ich mich so freuen!

Mit Greta, da kam Leben ins Haus! Das war so ein schönes Gefühl!

Arthur ist sehr langsam in allem, in den Worten, in den Gefühlen… nicht, dass die Gefühle einen Mangel an Intensität hätten, aber es ist langsam, als müsse sich eben immer erst alles entfalten…

Selten ist etwas einfach impulsiv, und manchmal scheinen ihm einfach die Worte zu fehlen, dann sagt er etwas, aber hinter dem Wenigen stecken viele, tiefe Emotionen.

Er zeigt mir zum Beispiel jetzt zum dritten Mal eine weiße Chrysantheme (oder nennt man die Spiness, ich weiß nicht, ich werde sie dir beschreiben, wenn wir reden), jedenfalls so eine typische Herbst- / Grabschmuckblume…

Er nimmt diese Blumen aus einer Grabvase und zupft sorgfältig jedes Blatt ab, das im Wasser stand, Blatt für Blatt, lapidar SAGT er dazu: Das stinkt sonst!

Eigentlich nichtssagend, aber dazu kommen so warme Gefühle, Herzlichkeit, Fürsorge, auch Empörung für das Unrecht des Todes schlechthin…

Nur, das SAGT er nicht, das zeigt er nicht…

Er zupft einfach nur gründlich die Blätter ab, damit es nicht stinkt…

Ich vermute, so war er in allem… eher karg in der verbalen Äußerung der Gefühle, aber alles andere als innerlich karg…

Dennoch ist er in allem absolut authentisch.

Nichts ist gespielt, aufgesetzt, überzogen… alles ist wahr und wahrhaftig.

U: Du hast es nicht leicht, deine Gefühle zu äußern, oder?

A: Nein… nicht leicht… die Taten! Die Taten zählen!

Der Mensch macht sich viele Gedanken, aber was zählt, sind die Taten!

Trotzdem, manchmal hätte ich mir gewünscht, dass ich mehr aus mir herausgehen könnte… na ja… (zuckt die Schultern.)

Ich weiß jetzt, dass es ihr so weh getan hat, dass sie mich nicht aus meiner Traurigkeit holen konnte.

Sag ihr, es tut mir leid, das lag nicht an ihr… es war so tief in mir… ich hab immer noch Mühe, mich davon zu erholen. (Jetzt richtig trotzig.)

Ich will aber keine traurige Seele mehr sein!

U: Das ist toll, dann wirst du lernen, damit aufzuhören!

Ganz bestimmt!

A; Meinst du, ich war zu streng?

U: Zu wem, zu dir oder zu Greta? (Lächelt nur, antwortet aber nicht, wie hübsch er aussehen kann, wenn er lächelt!!!)

A: Ich hab mir angesehen, wie unser Leben gewesen wäre ohne sie…

U: Und?

A: Kalt! (Er holt eine kleine Pergamenttüte aus seiner Tasche, darin sind Lackbilder!)

Für sie!

U: Das ist schön, sie wird sich freuen…

A: Weißt du, ob ich in Hausschuhen auf die Straße gegangen bin? Ich erinnere mich nicht mehr, aber mir ist so…

U: Nein, tut mir leid, ich weiß nur, dass du am Ende deines Lebens verwirrt warst…

A: Ja? Hab ich ganz vergessen…

Hab ich geschimpft?

U: Ich weiß es nicht, du kannst es dir sicher ansehen…

A: Hm… nein, ich glaube, das will ich nicht. Wozu? Nein!

U: Warum fragst du dann?

A: Ich will nur wissen, ob ich ihr weh getan habe…

U: Ich weiß nicht, wenn man verwirrt ist, kann das passieren, das weiß sie sicher auch.

A: Ich glaube, ich habe ihr weh getan, ich glaube, ich habe nicht gewusst, dass sie es ist… ich wollte ihr nie wehtun.

Aber ich hätte nicht immer alles besser wissen sollen…

Ach, ja (seufzt).

U: Sie hat dich lieb, Arthur, du sagst doch selbst, das ist das Wichtigste.

A: Es ist alles nicht so einfach. (Er dreht sich von mir weg, nimmt eine Kleiderbürste und bürstet sich die unteren Hosenbeine ab.)

Dann sehe ich ihn, wie er mit einem Leder die Chromleiste eines Autos blank reibt. Eine Garage, sorgfältig aufgeräumt…

Ein schöner Holzstuhl, da ist was sehr sorgfältig geschnitzt…

Seine Hand und ein Herrenring, aber den zieht er unter Mühen ab…

Eine braune Leder Aktentasche, er nimmt daraus ein Brot, eingewickelt in Pergamentpapier und ein kleines Mädchen mit sehr dünnen Beinen scheint darauf nur zu warten…

Ein Büro, altmodisch, auf dem Schreibtisch aus Holz eine grüne Unterlage, sorgfältig in Reih und Glied Stifte gelegt… alles wird exakt auf seinen Platz gelegt…

A: Tja!

U: Tja?

A: Was soll man da noch sagen? Ach so, ja!

Also, wenn man das ist, was ganz anders ist… das ist schwer, das ist schwer…

Sag ihr, ich hab verstanden, wie schwer das ist! Sag ihr, sie hatte Recht, ihren eigenen Weg zu gehen!

Sag ihr, jeder Mensch braucht das, so ein Gefühl von Wurzeln… ja!

Sag ihr, das ich dankbar bin für ihre Dankbarkeit…

Sie hätte auch ganz anders sein können…

Aber ich weiß jetzt, wie viel Kraft es sie gekostet hat, uns ihre Dankbarkeit zu zeigen… ich hab sie so lieb, wie sie ist!

U: Danke, Arthur, ich werde mit Greta noch reden und sicher weiß sie, was du meinst…

(Ich möchte es hier noch einmal betonen, die Worte wirken förmlicher, als die Emotionen sind!)

Du bist ein sehr tief fühlender Mensch und ich empfinde dich als sehr fürsorglich und zuverlässig.

A: Das wollte ich auch immer, dass man sich auf mich verlassen kann! Aber ich hätte ruhig öfter mal aus der Haut fahren sollen… aber das war nicht in mir.

U: Nein, das war nicht in dir…

Jeder ist eben, wie er ist…

A: Eigentlich war ich immer unsicher… das hab ich aber erst jetzt verstanden…

Ja, ja… na ja, der Mut, anders zu sein… ach ja… da hab ich viel von Greta zu lernen!

U: Arthur, ich habe jetzt schon soviel darüber geschrieben, wie ich dich empfinde, meinst du, dass Greta dich wieder erkennt?

A: Aber sicher! Hat dein Vater dich geschlagen?

U: Wie? Äh, ja…

A: Tja, tja… die Menschen, was Menschen sich so antun! Aber er hat dich lieb!

U: Das weißt du?

A: Er steht doch da!!! (Stimmt, ich hatte meinen Vater gar nicht bemerkt.)

Ja, das ist so… wir gehen doch gar nicht!

U: Nein, ihr geht nicht, ihr wandelt euch nur…

A: Tja! Sagst du ihr noch was? Das ist wichtig!

U: Klar…

A: Sie steht auf zwei Pyramiden, das ist schwierig, es ist schwierig, das Gleichgewicht zu behalten. Sie muss auf einer stehen und die andere lieben, dann ist es leichter…

U: Puh… das ist schwer zu verstehen…

A: Ach, das wird schon werden! Ihr versteht das, wenn ihr redet…

U: Okay, ich würde dann gerne Gretas Fragen stellen…

A: Ja.

U: Greta fragt, ob es so ist, wie du es dir vorgestellt hast?

A: Hier? Ja, nein, das ist noch anders…

Ach, wie soll ich das jetzt sagen, es ist leichter, als ich dachte, aber auch schwerer…

Es geht jetzt nicht mehr darum, wie ich DENKE, dass es sein müsste…

Alles ist, wie ich es FÜHLE…

Ich muss noch viel lernen… ist nicht so leicht…

U: Bist du mit Mutter und deiner ersten Frau Hilde zusammen?

A: Ja… aber auch nein…

Ich bin, wo ich fühle, dass ich sein muss. Kann das ein Mensch verstehen?

U: Hast du Gretas Sohn Albrecht schon getroffen?

A: Ha! Der hat immer das Gefühl, dass er mir helfen muss (Arthur lacht). Deshalb hilft er mir…

Aber das klappt ja nur, wenn ich das Gefühl habe, dass ich die Hilfe auch will…

U. Warst du wirklich damals nach deinem Tod bei ihr?

A: Dass du deinen Gefühlen nicht so einfach vertraust, liegt ja nun auch an mir, nicht?

Aber das solltest du tun! Ich bin nicht der Einzige, der bei dir ist!

Wir haben dich ja lieb und es gibt da einen, der dich dringend um Verzeihung bitten möchte! Tja…

Was soll man da machen? Also, ich verurteile ihn nicht mehr! Der Mensch ist sich selbst ein Rätsel, solange er lebt, aber dann versteht er und das kann wehtun.

Er weiß, um was er sich gebracht hat (das Einzige, was ich sehe, ist ein Mann im Arztkittel, ich weiß damit leider nichts Gescheites anzufangen.)

U: Greta bedankt sich für alles Liebe, das du ihr getan hast.

Sie ist dir sehr, sehr dankbar für alles.

A: Ja? Ja! Aber sie hat mir auch so viel geschenkt! Was wäre das für ein kaltes Leben geworden ohne dich!

U: Sie sagt, du möchtest Albrecht und ihre Mutter ganz lieb grüßen und alle, die sie kennt.

A: Ja… Das machst du doch schon selbst! Wir sind doch da!

U: Das weiß sie halt nicht so wie du, Arthur…

A: Sag ihr, sie hat Recht, ich bin gestorben, weil ichs wollte…

Die Kerze war einfach abgebrannt. Sag ihr, ich hab sie lieb, immer!

Und daran ändert sich nichts.

U: Mach ich, Arthur, danke, dass du da warst, und leb wohl!