Die regen sich über die Indianer in Amerika auf, weil die ins Reservat kommen?

Verstorbenenkontakt

Schleswig-Holstein ist auch ein Reservat!

Weißt du, WIE LANGE wir im Memel-Land ansässig waren,
weißt du das?
Aber ich weiß das jetzt: seit 6.000 Jahren! 

Sechstausend Jahre Heimat und dann weg, aus, vorbei.
Und keiner klagt und keiner spricht vom Schmerz und der Sehnsucht
und der Leere:

diese Leere da im Kopf!
Da kannst du ruhig hinreisen, du findest NICHTS wieder:
alle Wurzeln gerissen! So ist das!

Ich bitte meinen Guide, mich mit Willi zu verbinden, Willi wurde in Memel geboren. Sein Sohn Hans bittet um diesen Kontakt.

Willi kommt sehr zögernd, es fällt mir schwer in ihm den Mann auf dem Foto zu erkennen, er wirkt selbst für sein tatsächlich erreichtes Alter zu alt. Seine Art, gekleidet zu sein, würde ich eher einem 90-Jährigen zuschreiben (fein kariertes Hemd, Strickweste, graue Hose, Hausschuhe).

Sein Haar schütter, große Brille, die ungeputzt aussieht (sodass ich mich frage, wie das sein kann in einem Pflegeheim). Sein Gang so unsicher wie bei jemandem, der Parkinson hat, die Schritte zu klein, schlurfend, am Arm eine Armbanduhr, deren Metallarmband viel zu weit für den Arm ist und fast bis auf den Handrücken liegt.

Dieser Handrücken wirkt auf mich extrem ausgetrocknet … ehemals – glaube ich – dass er da zu Sommersprossen neigte und sich feinste, goldfarbene Körperbehaarung auf den Armen zeigte. Aber dieser Mann jetzt? In Kleidung die aussieht als gehöre sie nicht ihm, viel zu weit.

Ich weiß nicht, ob ich den Richtigen habe. Irgendwas ist hier verdreht, zu früh, zu alt … das sagt man so dahin, aber ich denke, dass es hier wirklich einem Krankheitsfaktor entsprach oder, ich habe einen falschen Kontakt …

Er spürt meine Bedenken, verändert sich, jetzt steht ein Mann vor mir, auch älter als auf dem Foto, aber wesentlich stämmiger, er wirkt sogar größer. Er trägt ein hellblaues Hemd mit halbem Arm, eine graue Hose dazu mit leichtem „Schlag“ wie in den späten siebziger Jahren, das Haar nach der Mode etwas länger, dunkelblond..

Er lächelt mich an, gibt mir die Hand, ein kräftiger Händedruck, nichts mehr von der Schwäche zu spüren. Neben sich hängt er seine Anzugsjacke, die er bei sich hat, auf den Stuhl, dann sitzt er vor mir.

In der Hand einen Kugelschreiber, mit dessen Rückseite er auf den Tisch tippt, daneben ein kleines Büchlein, ein Notizbuch vermute ich. Das ist unterschiedlich: einmal dieses kleine schwarze Buch, ein anderes Mal ein Ringordner aus Leder, aber kleiner als ein DIN A4 Format, ähnlich wie Geschäftsreisende das mit sich führen.

W. Ich musste mir immer viel merken. Na ja … das hat dann nachgelassen. Kommst du auch von (Bildbeschreibung: weiter blauer Himmel, weiße Wolken, Dünen, aber bewachsen mit Kiefern) …

U. … von der Nordseeküste? Nein!

W. Lacht, dabei legt er den Kopf in den Nacken. Jetzt stellst du dich aber dümmer an, als du bist!

U. Nein, ich nicht, meine Großmutter kam von der litauisch-deutschen Grenze. Woran merkst du das?

W. Er beugt sich vor, legt die Unterarme übereinander: Das merke ich doch überhaupt nicht, Mädchen!

Ich soll dich nur schön grüßen und dir sagen: bei Stallupönen, nicht bei Pillkallen!
(Dies ist persönlich an mich gerichtet, ich versuche seit Jahren vergeblich in der Ahnenforschung in Ostpreußen nach dem Ort, wo meine Großeltern herkommen.)

U. Oh, danke, Willi, das ist sehr lieb!

Er lehnt sich zufrieden zurück, die Arme über der Brust verschränkt. Er kippelt mit dem Stuhl, als er merkt, dass ich das sehe, korrigiert er sich sofort.

W: Heute früh dachte ich noch, wir können das auch ganz kurz machen hier, wird wahrscheinlich nicht so spannend werden …

U. Jetzt denkst du anders?

W. Na ja, mal sehen. So! Dann lass uns mal los legen!

U. Du weißt, wer dich bittet?

W. Hm, hm (klingt stöhnend).

U. Hast du da ein Problem?

W. Ich? Ne! Aber das ist schon anstrengend, wenn man so zurücksieht. Ich hatte das alles so nicht geglaubt. Wie willst du auch noch an was glauben, wenn du …

Er zeigt mir Bilder: Er ist ein in mehrere Decken eingehülltes Kind und wird mit einer Art Bollerwagen gefahren, da sind auch noch andere Kinder drin, eines davon ist tot.

U. Ach, du lieber Himmel!

W. Ne, der eben gerade nicht! Ich war zu alt, um nichts zu erinnern, und zu klein, um über das, was ich erinnerte, reden zu können. Das ganze Theater kriege ich heute erst zusammen. Na ja, ist jetzt auch egal! Gehört nicht hierher!

Aber, ne … was ich sagen wollte, ist nur, dass ich das hier nicht anerkannt hätte!

U. Ja … das geht vielen so. Da war der Himmel dann eine Überraschung für dich?

W. Ach ne, das nicht … war ja gleich bei den richtigen Frauen …

U. Frauen?

W. Ach (seufzt), ja … da waren schon mehr vor mir rüber, als mir lieb war.

U. Und die haben dich abgeholt?

W. Na ja! Klar! Das ist ja hier anders … da gibt’s nur, was hier ist (tippt sich auf die linke Brustseite), aber gerechnet hab ich damit nicht! War schön …

U. Das freut mich, dann hab ich eine gute Nachricht an Hans.

W. Ach, Hans denkt sich das sowieso. Der weiß das. Aber Kurt nicht. Na ja, muss jeder für sich ausmachen.

U. Dein Tod oder besser gesagt deine Krankheit …

W. War ich selbst dran schuld, will ich jetzt nichts zu sagen. (Ich weiß nicht, ob es da einen Zusammenhang gibt, aber ich nehme den Geruch von Alkohol war, Willi sagt dazu weder ja noch nein.)

U. Warum bist du als so alter Mann zu mir gekommen? Warst du das überhaupt? Ich entdecke keine Ähnlichkeit …

W. Ich … der (er tippt sich an den Kopf) hat mich verlassen … ja, da war ich dann alt! Ich konnte mir nichts mehr merken … alt … ganz alt. Hm.

U. Okay, Willi, darüber müssen wir nicht weiter reden, wenn du nicht willst.

W. Ich lass mich sowieso zu nichts zwingen. Ne, ich will nur nicht, dass die denken, das war nun mal so …
Also, hm … Mensch, das fällt mir schwer jetzt … ich will doch kein Vorbild sein!

U. Du meinst, dir soll keiner nachfolgen von deinen Nachkommen?

W. Genau! Außerdem: Ich hätte mehr Flüssigkeit kriegen müssen … konnte ich ja nicht selbst regeln.

U. Deshalb die trockene Haut?

W. Na ja, trocken war die sowieso, aber doch nicht so!

U. Pflegefehler?

W. Kann man schon so sehen, obwohl: Die haben das – glaube ich – gar nicht gemerkt, also, das war keine Absicht.

U. Hm … Okay. Ja, Willi, ich würde jetzt gerne deinen Charakter beschreiben, so wie ich dich empfinde, geht das?

W. Ja klar, mach mal, sehen wir ja, was dabei rauskommt!

Was mir auffällt, ist seine ausgesprochene Eigenwilligkeit: Was er nicht will, will er er eben nicht. Das scheint mir etwas zu sein, was ihm einerseits geholfen hat, sich in einer sehr chaotischen Kindheit zurechtzufinden. Andererseits habe ich den Eindruck, dass er sich damit auch oft selbst im Wege stand.

Seine ganze Körpersprache signalisiert Verschlossenheit: Zwar redet er mit mir, aber er lässt es nicht zu, dass er sich soweit öffnet, dass ich bis in den emotionalen Bereich komme.

Nun mag es sein, dass dies an mir liegt, ich einfach nicht das rechte Medium für ihn bin, aber eher vermute ich, dass diese emotionale Verschlossenheit Teil seines Wesens war.

Nach außen wirkt das durchaus anders: Er weiß sich zu präsentieren, weiß, wie man Small Talk macht, aber ich komme nicht einen Schritt weiter, als er es zulässt.

Er weiß ja, dass er nicht für mich da ist, sondern für Sie, Hans. Und trotzdem ist es, als würde ein inneres Prinzip ihn abhalten, mehr von sich preiszugeben.

Ich versuche, Bilder seiner Kindheit zu finden. Immer wieder das gleiche Bild: das tote Kind im Bollerwagen. Dann nichts als Nebel und Schnee, immer und immer wieder, als wenn eine Schallplatte einen Haken hat.

Dann wird mir ein altes Haus gezeigt, niedrig, großes langes Dach, der Putz bröckelt ab. Dann ein Raum, den ich mal als äußerst dürftig bezeichnen möchte, und darin ist es übervoll: Mehrere Betten nebeneinander lassen keinen Raum zum Spielen und Toben. Und es ist entweder stickig heiß hier drin oder es zieht kalt durch ein völlig desolates Fenster.

Er zeigt mir einen kleinen, völlig abgegriffenen Teddy, immer und immer wieder. Dann eine sehr schmale Frau, die sich über eine Zinkwanne bückt und auf einen Waschbrett Wäsche reibt. Sie wirkt so wütend, während sie das tut. Ich höre Kinder lachen und sie nimmt das Wäschestück und schleudert es in Richtung des Lachens, das ich höre …

Wenn das seine ersten Kindheitserinnerungen waren, wundert es mich nicht, dass er seine Emotionen so unter Verschluss gehalten hat.

Er zeigt mir ein Büchlein, ich denke das ist antiquarisch: graugrüner Leineneinband, rotes Emblem in der Mitte, irgendwas mit Zacken …
Ich nehme an, es ist ein Buch über seine Heimat, denn er sagt: Ich wollte das vergessen! Aus, vorbei! Wir leben hier! Jetzt! Ich wollte damit nichts mehr zu tun haben!

Ich versuche, zu verstehen, wie wichtig das für ihn war.

Das Gefühl der inneren Bindungslosigkeit wird stark in mir und gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach genau so einer fast paradiesischen Einbindung.  Ich fürchte nur, das hat nie geklappt.

Er hat versucht, RICHTIG zu sein, alles RICHTIG zu machen, nur er hat es nicht geschafft, sich in all dem auch wohlzufühlen oder sich mit seiner Rolle zu identifizieren.

Mir scheint, das ist sein Hauptproblem gewesen: Dass er wie ein Theaterschauspieler seinen diversen Rollen versucht hat, auszufüllen, damit alles gut läuft.

Aber irgendwann kam anscheinend immer der Punkt, an dem er spürte, das er nicht FÜHLT, was er darstellt. Dass da eine seltsame Leere in ihm war, die kein Mensch füllen konnte.

Mein Eindruck ist der, dass er zudem innerlich sehr verletzlich war, dass selbst eine kleine Kritik in seinem Inneren heftige Stürme ausgelöst haben. Ich bin mir nicht sicher, ob das außen zu spüren war … eher selten, denke ich … er wirkt mir zu kontrolliert.

Ich meine, eine Szene zu sehen, da ist er ein kleiner Schuljunge, ganz spindeldürr, er trägt eine kurze Hose, darunter gestrickte, hohe Strümpfe, mehrfach gestopft.

Es sind andere Kinder – größere und kleinere – mit ihm auf dem Schulhof. Er hat nur eine Scheibe trockenes Brot mit etwas Zucker darauf und einen kleinen Apfel. Vor ihm steht ein dicker Junge, pausbäckig mit rotem Gesicht, größer als er, der beißt demonstrativ in sein Schulbrot, auf dem dick Butter liegt, nicht geschmiert, nein, geschnitten!

Und dann rastet der kleine Willi regelrecht aus: Irgendwas hat der Junge gesagt, daraufhin haben die anderen Kinder gelacht …

Ich glaube, das ist eine Schlüsselszene: Er wollte nie wieder verachtet werden, er wollte was aus seinem Leben machen. Da war aber weniger Lust am Erfolg dahinter, sondern eine ohnmächtige Wut.

Meinem Gefühl nach hat er es nie bleibend geschafft, etwas aufzubauen.

Und ich bin überzeugt, dass er daran KEINE Schuld trug, sondern dass er wieder und wieder erfahren musste, dass Menschen ihm plötzlich in den Rücken fallen, auf die er seine Hoffnung gesetzt hat.

Er ist nicht bitter darüber geworden, aber resigniert, traurig … müde, vielleicht depressiv. Ich glaube, er hat lange gekämpft, aber irgendwann war die ganze Kraft verbraucht.

Mir scheint, dass er viel weicher war, als er sich selbst eingestanden hat und auch sehr viel mehr unter seinen Mitmenschen litt, als er je zugegeben hätte.

Ich denke, dass er dann einfach zugemacht hat, sich zurückgezogen hat und alle Brücken nach sich abgebrochen hat. Nicht weil er den Menschen böse war, sondern weil er keine Kraft mehr in sich hatte, es weiter zu versuchen, zu ihnen zu gehören.

U. Vielen Dank, Willi, dass du es zugelassen hast, dass ich soweit in dich fühlen durfte, ich nehme an, das war schwer für dich?

W. Inzwischen geht das, aber schön ist das nicht, mach ich auch nicht noch mal! Kommt gar nicht infrage!

U. Brauchst du auch nicht, aber vielleicht versteht Hans dich jetzt besser.

W. Hm … er hat mich so auch nicht gekannt … wie auch? Ich mich doch auch nicht!

U. Okay, magst du Hans noch ein paar Bilder geben?

W. Nee, eigentlich nicht, was für Bilder?

U. Aus deinem Leben!

W. Och … ja … hm …

Er nimmt ein Foto in die Hand, ein altes Schwarz Weiss Foto mit gewelltem Rand. Da steht er neben einem kleinen Auto, die Haare trägt er wie auf dem Foto, er wirkt aber etwas schmaler. Das Auto ist grau auf dem Foto, es ist definitiv ein Kleinwagen. Ich tue mich aber schwer mit der Zuordnung, es könnte ein Fiat sein, aber mein Gehirn spuckt leider auch immer wieder einen alten VW-Käfer aus.

Dann sehe ich ihn älter, im Anzug, die Haare viel länger und ein großer Wagen, ein richtiger „Schlitten“, ich bin so schlecht im Zuordnen von Autos, ein großer Ford vielleicht … jedenfalls ist er RICHTIG stolz darauf!

Dann sind wir auf einer Baustelle, links von mir viele weiße Steine, rechts ein Betonmischer und einige Bretter führen über einen Graben, in dem brackiges Wasser steht, als hätte es ewig geregnet. Ich sehe nur, wie seine Hände eine Schubkarre schieben, fest entschlossen und hundemüde, beides gleichzeitig.

Dann sehe ich in ein Kinderzimmer, es ist dunkel, das Licht fällt nur durch die geöffnete Tür herein … ein ziemliches Durcheinander auf dem Fußboden. Da steht eine kleine Tafel … wie eine Kinderspiel-Tafel. Mit einem Schwämmchen wurde etwas versucht, wegzuwischen, ich weiß nicht, was es war …

Es ist so seltsam: Ich erwarte, dass ich beim Anblick des schlafenden Kindes etwas fühle, aber es ist erschreckend wenig. Stattdessen droht diese Leere sich in mir breitzumachen, ich mache die Tür zu.

Ich gehe zu einem Tisch aus dunklem Holz und öffne eine Bierflasche. Mir schnürt sich irgendwie die Kehle zu, ich möchte weinen, kann aber nicht.

Dann seh ich ein Gebäude mit drei Stockwerken, viel Beton, viel Glas, rechts ein großes Schild auf dem Rasen, Bäume stehen da auch …

In der Hand einen kleinen Koffer und neben mir geht wer, der ist mir jetzt irgendwie peinlich. Die ganze Situation ist mir peinlich, ich weiß nur nicht wieso, ich kann das alles nicht verstehen.

Zuletzt ein Bild einer sehr hübschen, jungen Frau, die halblangen Haare hochtoupiert, helles Kleid, kleine Kette, auch ein Schwarz Weiss Foto … das halte ich in der Hand.

Ich versuche, zu fühlen: Es tut weh, Tränen kommen, ich lege das Foto weg … ich schaue mich um, es ist so ein Durcheinander hier!

Vielleicht gehört das hier gar nicht zu Willi: Es sieht um ihn herum aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen …
Er will nicht weiter …

U. Musst du auch nicht, das ist mehr als genug, danke, Willi!

W. Na ja, ich weiß nicht, damit kann doch kein Mensch was anfangen!

U. War es falsch?

W. Ne! Weiss ich nicht!

U. Okay, Willi, es wäre toll, wenn du noch die Fragen von Hans beantworten würdest, geht das?

W. Ja klar, mach ich doch!

U. Gut. Die erste Frage ist: Warum war unsere Beziehung während unserer Kindheit so schwierig?

W. Ach Mensch, ich weiß es doch auch nicht! Das stellt man sich alles anders vor und dann.

Ich war – glaube ich – selber nie was anderes als ein kleiner Junge und suchte eine Mutti … verstehst du das?
Ne … das soll keine Ausrede sein, wirklich nicht.

Ja, Mensch! Dann geb ich das eben zu! Ich war eifersüchtig auf dein Leben … doch … ja …
Das tut mir leid, glaubst du mir das? Das tut mir wirklich leid.

U. Die nächste Frage von Hans ist, wieso du den Kontakt zu Iris und ihm nicht gehalten hast?

W. Seufzt. Ich habs nicht gekonnt …
Kontakt … Beziehung … ich konnte das nicht FÜHLEN … ich wollte das, aber ich konnte einfach nicht!

U. Die nächste Frage: Familienkarma – frühere Leben – heute: Ist hier noch eine karmische Schuld offen?

W. Schuld!? Mensch, warum muss es denn IMMER um Schuld gehen!?
Schon mal einer an Schmerz gedacht?! Vielleicht ist ja der Schmerz noch offen?!

Mutter depressiv, Vater … na ja … Heimat?  Wo denn? Mit wem?
Alles muss vernünftig sein, musst vergessen … vergessen, dass du NICHTS und NIEMAND bist … Schmerz ist offen! Glaubst du, das geht ohne Spuren ab?

Weißt du, WIE LANGE wir im Memelland ansässig waren, weißt du das? Das weiß nicht mal Kurt!
Aber ich weiß das jetzt: seit 6000 Jahren!

Sechstausend Jahre Heimat und dann weg, aus, vorbei und keiner klagt und keiner spricht vom Schmerz und der Sehnsucht und der Leere: diese Leere da im Kopf!

Da kannst du ruhig hinreisen, du findest NICHTS wieder … alle Wurzeln gerissen! So ist das!

Und ist ein Fluch … das ist NICHTS … dass es so ist und bleibt.

Die regen sich über die Indianer in Amerika auf, weil die in Reservate kommen? Schleswig-Holstein ist auch ein Reservat!

U. Puh, Willi, ich hätte nicht gedacht, dass du dich so aufregen kannst!

W. Ja, das regt mich auch auf! Glaubst du, ich hätte diese Leere gehabt und dieses nicht in Beziehung kommen können, wenn meine Kindheit zuhause stattgefunden hätte?
Glaubt das immer noch die ganze Welt?

U. Nein, ich glaube das nicht, Willi. Ich habe geahnt, dass da was steckt, das noch keiner versteht.

Willi, was passiert, wenn nicht getrauert wird?

W. Die Wiederholung! Das wird solange wiederholt, bis alle kapieren, dass es NICHT selbstverständlich ist, wenn einem die Wurzeln gestohlen werden.

Ist doch so! Oder singst du die Lieder deiner Oma?

U. Kann ich doch gar nicht, ich hab sie nicht gekannt!

W. Nein, aber es sind Lieder in deinem Herzen! Singst du? Aus Trauer oder wenn du Angst hast oder wenn du wen beruhigen willst? Deine Oma hat das gemacht wie ihre Oma, wie deren Oma …

Wir nicht mehr, nie mehr! Die Sprache weg, die Gefühle weg, die Lieder weg, alles weg! Ausgelöscht!

U. Und keiner weint? Auch nicht um ein traumatisiertes Kind, dass es einfach nicht mehr schaffen konnte, zu vertrauen? Wie du?

W. Ne!

U. Danke, Willi, das habe ich verstanden, ich hoffe, damit vielen Familien helfen zu können: Sie müssen weinen um euch, die ihr zerbrochen seid. So, ja?

W. Ja … so! Ich wäre Hans ein guter Vater gewesen, wenn ich nicht diesen Knall gehabt hätte.

Und den Knall hatte ich, weil ich nicht jung genug war, um wirklich nichts mitbekommen zu haben und nicht alt genug, um drüber reden zu können!

U. Hm, hm, das hab ich verstanden.

Hans fragt, ob deine Seele deinen Tod so gewollt hat, oder gab es andere, nicht geplante Umstände …

W. Ph, ph … Hans, pass mal auf, die hier (er meint das Jenseits) versuchen, es euch so einfach wie möglich zu machen, das alles zu verstehen. Die sprechen dann von Plänen, so, als ob man sich zur Lagebesprechung trifft und dann wird das Drehbuch geschrieben.

Aber ganz so einfach ist das nun auch wieder nicht: Ich WOLLTE NIE! nicht fühlen können, ich WOLLTE NIE mich ein Leben lang vor dieser Leere in mir gruseln, NIE!

Das ist das Ergebnis der Flucht: Schock, unbearbeiteter Schock!

Aber verstehst du: Alles, was ich daraus gemacht habe, DAS ist das Ergebnis MEINER Einstellung als Seele: zu resignieren, aufgeben, verstecken und weg.

Betäuben, was wehtut: DAS MUSSTE ich durchleiden, weil ich nicht bereit war, zu lernen.

Lebensplan – wenn du das nun mal so nennen willst – war, dass ich LERNE, NICHT vor Gefühlen wegzurennen und NICHTS ins Unbewusste abzuschieben …

Na ja, nicht so gut gelernt, ne? Das ist so! Jetzt mischen wir die Karten also neu.

U. Hans fragt, ob du Ingrid gesehen hast und wie es euch geht?

W. Klar, wir hatten viel zu bereden und jetzt geht’s uns beiden gut. Am Ende zählt nur das hier (tippt sich wieder ans Herz). Aber das musste ich mich erst mal wieder trauen!

U. Hans schreibt: Über einen väterlichen Rat würde ich mich trotz meines inzwischen ja auch schon fortgeschrittenen Alters freuen.

W. Ja? Lernen, Hans, lernen, du musst auch lernen, dich zu verbessern, wenn du meinst, dass du schon auf der guten Seite bist!

Es ist nämlich wirklich schwierig, ein guter Mensch zu werden und wirklich Gutes zu bewirken, solange man lebt. Ich wollte auch ein guter Mensch sein und Gutes bewirken, aber ich wollte nicht lernen!

Gut sein reicht nicht, man muss auch gerecht sein! Und man muss den Mut haben, auch Zusammenhänge zu erkennen, die einem nicht schmecken.

Ein guter Mensch, der zu allen Menschen gut ist, der ist auch zu denen gut, die Schlechtes tun und wollen! Da muss der gute Mensch lernen, nicht der Dumme zu sein.

So, jetzt reicht es, ist genug, ich bin müde. Hast du noch Zeit für einen Gruß an meinen Bruder und an Martha?
Ich weiß, das ist schwer für sie, so zu verstehen.

Ich will nur noch eins sagen: Du machst es viel besser als ich! Bleib dabei! Hab keine Angst, du gehst nicht meinen Weg!

Tschüss, ich geh jetzt, war schön, aber ist anstrengend!

U. Tschüss, Willi, danke für alles!