Diese Sch… Maschine hat mich davon abgehalten, ins Licht zu gehen.

Diese Sch… Maschine hat mich davon abgehalten,
ins Licht zu gehen.

Hör mal, du kennst den Tod, du weißt, da ist was weg, wenn einer tot ist.
Bei mir KONNTE es nicht weg sein,
weil diese – entschuldige – Sch… Maschine mich gebunden hat.

He, du hast mich befreit!
Ich bin dir was schuldig, verlass dich drauf,
ich steh dir auch bei, wenns bei dir mal soweit ist.

Versprochen!

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Rainer zu verbinden, sein Bruder Harald bittet um diesen Kontakt.

Rainer steht sofort vor mir, allerdings ziemlich lässig gekleidet, er trägt ein T-Shirt, eine Trainingshose und so eine Art Badelatschen, unter dem Arm hält er einen Ball.
Er strahlt über das ganze Gesicht…

U: Grüß dich, Rainer! Willst du Sport machen?

S: Na, ja, da wüsste ich schon, mit wem, aber mit dir nicht, oder magst du das?
Handball? Beachball?

U: Oh, nein, nein, das lassen wir lieber…

S: ach so? Ja, dann so.
(Er ändert sein Aussehen, jetzt trägt er einen Anzug, aber er hat die Badelatschen anbehalten!!!)

U: schick, aber die Schuh?

S: Ja, jetzt darf ich doch! (Strahlt.)
Oder macht´s dir was aus?

U: Ne, lass mal, ist doch gut, wenn du dich wohlfühlst…

S: Na ja, im Anzug nicht, aber es geht so, kannst du ihm was ausrichten?

U: Harald?

S: Hm, sag ihm, dass er immer für ne Überraschung gut war, aber das hier, jetzt schießt er echt den Vogel ab!

U: Du meinst das Reading hier?

S: Klar, ich freu mich, das ist schön, dass er das macht, aber das hätte ich nie erwartet. Alter Junge! Ich hätte das selbst auch nicht gemacht.
Aber ich bin froh, jetzt können wir die Sache doch noch klären.
Glaub bloß nicht, dass du für meinen Tod verantwortlich bist!
Das war meine Entscheidung!
Ja, das wollte ich nur noch sagen, also ich bin dann soweit fertig!

U: Halt, halt, halt, bitte bleib noch, so schnell geht das hier nicht, gibst du mir noch ein bisschen Zeit?

S: Na, davon hab ich ja genug. Hast du letzten Zahlen gelesen?

U: welche Zahlen?

S: Ach, lass, ist egal!
Aber wenn die so weiter machen, dann laufen ihnen alle guten Leute weg!
Na ja, soll mich nicht mehr stören. Was liest du denn so?

U: Meinst du mich?

S: Siehst du hier noch wen?

U: ne…
Ja, täglich die Passauer Presse, sonst…

S: Ach so, Bayern ist das hier?

U: hmhm…

S: Ist auch schön, kannst du Ski fahren?

U: nein.

S: hmhm, na ja, ich hab gerne gewonnen, ich meine, das ist immer noch schön für mich.

U: Gegen wen gewinnst du denn jetzt?

S: Ach, es gibt viele wie mich, es macht Spaß, wir sind Kämpfer…
Der eine macht das so und der andere so, aber irgendwie ist kämpfen und gewinnen wichtig für uns, das kannst du wohl nicht so verstehen, oder?

U: verstehen schon, aber nicht nachempfinden.

S: Möchtest du, dass wir es uns ein bisschen nett machen? Ich kann´s arrangieren…

U: Na, dann mach mal…
Er ändert das Umfeld, aber er kann sich nicht so leicht entscheiden, aus irgendeinem Grund bleibt er immer am Bild eines Aquariums hängen, dann wechselt er dauernd zwischen einem Platz am Meer und dann wieder sind wir auf einem Berg, unter uns eine verschneite Landschaft, letztlich bleibt´s dabei:
Wir sitzen eingehüllt in Decken, hinter uns eine Holzwand, er reicht mir ein Glas mit dampfender Flüssigkeit…

G: Jagertee, den gibt’s hier auch!
Jedenfalls die Vorstellung…
Und? Wie findest du es hier?

U: schön…

G: Sag ich doch! Bei uns ist es schön…

U: Heimweh?

G. Manchmal schon, ist nicht leicht, so mitten raus, ich hätte so gerne noch alles geklärt, jetzt ist so viel unfertig.
So einfach alles liegen lassen, nee! Das war nicht meine Art, wird’s auch nie sein.
Kennst du dich aus mit Scheidungsrecht?

U: nein…

G: hmhm, harte Welt, ich meine, ich war nicht unglücklich, wirklich nicht.
Ich glaube, dazu fehlte mir die Begabung…
Aber man, manchmal hab ich mich so nach Frieden gesehnt, einfach nur Frieden.

Tja, davon hab ich jetzt genug.
Verrückt, oder?
Einerseits liebe ich den Kampf und andererseits wollte ich einfach nur Frieden haben, ich glaub, ich war doch ziemlich müde von allem…

U: Du meinst, als du gestorben bist?

G: Nein, vorher, das war so eine Stimmung, nichts Greifbares…
Ich hatte immer wieder Gedanken, die ich nicht verstanden habe.
Ich hatte, hm, ne (schüttelt den Kopf), ich glaub, das verstehst du nicht…

U: eine Ahnung?

G: Das Gefühl Abschied, ich hatte so ein Gefühl, wie wenn du auf dem Bahnhof stehst, kennst du das?
Du weißt, da kommt ein Zug, in den kannst du vielleicht einsteigen, aber du musst vielleicht auch gar nicht, verstehst du?

U: Die Ahnung davon, dass sich etwas sehr ändern könnte?

G: ja! So! Nicht so, dass ich dachte, ich sterbe, aber dass sich was ändern könnte…

U: War das traurig?

G. seufzt und dreht das Glas in seinen großen Händen: Nee, eigentlich nicht, fällt schwer, das zu erklären, wie vor einem Gewitter.
Du wünschst dir nicht, dass es kommt, einerseits, aber andererseits ist es zum Platzen in dir, wenn´s nicht kommt, so ungefähr.

U: Das hattest du kurz vorher?

G: Ach, ich weiß gar nicht mehr genau, wann das anfing, vorher schon, hm.
Ich wurde nachdenklicher, ja, das stimmt schon.
Aber ach, ich will nicht klagen!
Das hier (weist auf die Badelatschen) hätte ich NIE gemacht so, verstehst du?
Die Freiheit, die war mir wichtig, aber ich hätte mich nicht getraut, einfach so verrückt zu sein…

U: jetzt schon?

G: ja, jetzt schon und es macht Spaß!
Ich war so besessen davon, alles richtig zu machen!
Ich wollte an Gerechtigkeit glauben und selbst wollte ich auch gerecht sein.
Ich hab an eine gute Ordnung geglaubt, war begeistert, aber dann, nee, so wie ich dachte, war´s nicht…
Nichts war einfach richtig oder falsch.
Ich glaube, da hab ich Schäden hinterlassen…

U: Schäden?

G: hmhm…

U: bei wem?

G: Die Kinder, die Familie, ich weiß, das kann auch keiner mehr hören: ich meins nur gut!
Aber das ist wirklich wahr, ich habs gut gemeint.
Aber heute, da versteh ich, dass man Menschen nicht überfordern darf, dass sie eben unterschiedliche Kräfte haben.

U: Du hast dich schon der Auswertung deines Lebens gestellt?
(Das ist sehr früh.)

G: Ja, soll ich das rauszögern? Ne, lieber gleich sehen, was los ist!
Gerechtigkeit und Ordnung, daran haben wir geglaubt, das war, was uns erwachsen gemacht hat…
Harald hat´s früher verstanden als ich: Dass es Menschen sind, die dafür gerade stehen und dass die eben nie ganz ausreichen können, auch wenn sie wollen.

Aber mich? Mich hat das immer mehr müde gemacht, innerlich.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich einfach leer bin, nicht traurig, nicht mutlos, aber leer.
Guck mal!
(Er reicht mir ein Foto von einem Neubau.)

Da stehen mehrere Leute, Männer in Sommerkleidung, ein Bier in der Hand, eine ältere lächelnde Frau am Rand, irgendwo rechts Kinder, Erdhaufen sehe ich…

G: Du kannst in ein neues Haus ziehen, aber du nimmst dich mit, verstehst du?
Ich dachte, ich fang einfach neu an…

Macht keiner, kein Mensch fängt neu an!
Außer er fängt an, Neues zu denken, dazu braucht man ganz schön viel Mut.
Ja, na gut, sind wir uns einig, dass wir fertig sind?

U: Hmhm, warum hast du es so eilig, wegzukommen?

G: Meinst du, ich rede gerne über mich?

U: Aber du brauchst dich doch wegen nichts zu schämen!

G: Ne! Tu ich auch nicht. Aber trotzdem hab ich Fehler gemacht!
Wenn ich gewusst hätte, wie wenig Zeit ich habe, ich hätte vieles anders gemacht. Na ja. Ist vorbei!
Zeit, man, du denkst, du hast jede Menge davon, aber das ist doch gar nichts.
Kanntest du die Puhdys?

U: Hab von ihnen gehört…

G: Eigentlich fand ich die blöd, aber die Mädchen standen drauf, war `ne schöne Zeit und ich war nicht allein…
Weißte, mein Bruder und ich, das Reden, das war es nicht, aber das zusammen sein!
Ach, Mensch, ich wünschte, wir hätten die Chance gehabt, das mehr zu genießen. Wir sind zwei harte Köpfe!

U: harte Köpfe? Hab ich dich richtig verstanden? Du meinst stur?

G: na ja, schon, ja, glaub schon.
Aber weißt du, wir sind aneinander gewachsen, das war gut. Ich glaube, das haben wir richtig gut gemacht.
Nur die Frage, wer der „Bessere“ ist, das ist doch Käse!
Wir haben so was gar nicht nötig, darauf bin ich stolz.

U: Rainer, darf ich kurz beschreiben, wie ich deine Persönlichkeit empfinde?

G: Mach mal, aber wenn´s mir nicht passt, dann nicht (lächelt).

U: einverstanden!

Ich habe den Eindruck, dass Rainer eine sehr starke Persönlichkeit war, mit einem ausgeprägten Willen und einem ebenso ausgeprägten Sinn dafür, was „anständig“ ist.

Ich glaube, diese alte und fast vergessene Tugend des Anstands hat eine große Rolle in seinem Leben gespielt.
Und er ist, was auf den ersten Blick vielleicht nicht jeder merkt, viel tiefgründiger, als man denkt.
Da ist sehr viel Suche nach Wahrhaftigkeit.
Er schreckt nicht einen Moment lang davor zurück, auch sich selbst kritisch zu hinterfragen, ich finde, dazu gehört sehr viel Mut.
Es ist sicher ein Spiel, ein Scherz, wenn er sich hier mit diesen nicht perfekten Kleidung zeigt, ein wenig freaky gibt, zu Lebzeiten war er das wohl nicht, obwohl es ganz bestimmt etwas war, was ihm Freude bereitet hätte, einmal GEGEN die Norm zu gehen und sich entgegen den Erwartungen zu verhalten.
So aber zeigt er uns, dass er sich diese Freiheit jetzt nimmt und von nichts und niemand mehr nehmen lässt.
Eigenwillig, aber im besten Sinne der Bedeutung.

Es ist schon bemerkenswert, aber selbst in der legeren Kleidung ist seine Wirkung auf mich die einer Persönlichkeit, die Vertrauen einflößt und Souveränität. Einem, dem man vertrauen darf.
Das Vertrauen anderer scheint ihm bis heute sehr, sehr wichtig zu sein.
Kann es sein, dass du einmal Grund hattest, daran zu zweifeln, ich bekomme keine klaren Bilder dazu, aber er drückt sein tiefes Bedauern darüber aus.
Kann es sein, dass es etwas mit einer Frau oder Mädchen zu tun hatte?
Dass eine Frau seine Vertrauenswürdigkeit in Zweifel zog?
Hier spüre ich wirklich tiefen Schmerz und Trauer in ihm.

Ich denke, er tat sich ziemlich schwer damit, sich in Ohnmachtssituationen, besonders emotionaler Art, zurechtzufinden.
Da ist einfach der Boden glatt unter seinen Füßen. Vielleicht hat er sich gerade deshalb sosehr um Korrektheit bemüht.
Er spricht davon, dass große Vorbilder es einem nicht unbedingt leicht machen.
Als hättet ihr beide erst lernen müssen, WIE es angemessen ist, mit den eigenen Emotionen umzugehen, sie weder wegzurationalisieren noch ihnen die Zügel schießen lassen…
Eine – wie es mir scheint – bedeutende Aufgabe der Seele in diesem Leben und wohl zurecht meint er, dass er das gut gemacht hat.
Er gibt mir das Bild eines kleinen, allerdings viel hellhaarigeren Jungen (weiß nicht, ob er das ist, ich vermute aber schon) und der wurde von anderen Kindern ausgelacht wegen einer Peinlichkeit, der ist so außer sich, wütend und traurig gleichzeitig, der rastet richtig aus.
Ein anderer Junge tröstet ihn, das muss irgendwo in einem bewaldeten Gebiet gewesen sein, ein Ferienlager oder etwas in der Art…
Sich schämen zu müssen, war ihm eine große Not und ungerechterweise verurteilt werden erst recht.

Ich denke, hinter dem honorigen Äußeren lag eine Seele, die sehr tief und auch sehr leidenschaftlich empfinden konnte. Leicht war es sicher nicht, beides zu vereinen.

Eigentlich ist er einer, der SEINEN Weg gehen will, sich weder im Denken noch Fühlen reglementiert wissen möchte, aber da ist eben das Verantwortungsbewusstsein, das Ehrgefühl und der Anstand.
Kein wunder, dass seine Seele manchmal leer war.
Es scheint, als hätte er in einem dauernden Spagat zwischen Fühlen und Wollen gelebt.
Kann es sein, dass er mehr als eine intensive Beziehung zu einer Frau hatte?
Ich sehe ihn nämlich in diesem Zusammenhang einen Ehering auf- und ab- und wieder aufsetzen.
Dazu bekomme ich aber keine Emotion, nur so eine Art inneres Einverständnis, als wolle er sagen, dass er seinen Frieden damit habe.
Insgesamt finde ich es gar nicht so leicht, mit ihm in einen tiefen Kontakt zu kommen, Er ist durchaus „wortstark“, aber manchmal hab ich auch den Eindruck, dass er mir gerade durch das, was er sagt, entwischt.
Das ist nicht böse gemeint, es ist nur so ein Gefühl der Unsicherheit im Kontakt mit ihm.

G: Lass es gut sein, ich glaube, das reicht jetzt.
Eigentlich will ich nicht bedauert werden, insgesamt war mein Leben in Ordnung. Wenn mich einer gefragt hätte, ich hätte gesagt, ich will hundert werden, ich bereue nichts.
Ist doch gut, wenn man das sagen kann. Ich hab Fehler gemacht, das weiß ich und gerade Harald hat es mal gar nicht leicht mit mir gehabt, aber wir haben beide gelernt, sind erwachsen geworden und stark.

U: aber die Leere deiner Seele?

G: Das ist was anderes, das hat nichts mit meiner Familie zu tun, das ist nur meine Sache.

U: die Sache deiner Seele?

G: Ja, ich hab ja auch schon andere Leben gehabt…

U: Was wollte deine Seele in dem Leben als Rainer lernen?

G: nicht nur Schwarz / Weiß gelten zu lassen.

U: Möchtest du mir noch ein paar Bilder geben?

G: ne, eigentlich nicht (lacht), aber ich will mal nicht so sein…

Das erste Bild ist in einer Turnhalle, es wird ziemlich laut Handball gespielt.

Dann bin ich auf einem Flugplatz, aber das sind keine großen Maschinen, eine kleine Maschine steht im Mittelpunkt…

Jetzt bin ich an einer Tankstelle, da steht ein kleines Auto und es gibt irgendwie Schwierigkeiten damit, das Benzin zu zahlen, aber es ist eine lustige Stimmung, trotzdem nicht schlimm, heiter, entspannt…

Dann sehe ich eine Art „Zelle“?
Grün gestrichener Sockel, ein sehr schmales Feldbett, davor glänzend geputzte, schwarze Stiefel und jemand gibt diesen Stiefeln einen Tritt…
In mir ist Wut, Empörung, ein „rot sehen“, ich höre eine unangenehme, helle Männerstimme, ich kann das nur als „Keifen“ bezeichnen, mehr bekomme ich dazu nicht.

Dann sehe ich auf einen Schreibtisch, heller Untergrund, eine Leselampe wirft ihr Licht auf einen Ordner, darin Schriftstücke, geschrieben mit der Schreibmaschine…
Das Gefühl von Enttäuschung verbindet sich mit einem körperlichen Gefühl, der Magen brennt wie Feuer, ich kann nicht sagen, was das für ein Schriftstück ist…

Dann sehe ich ein kleines Passfoto, es könnte Rainer sein, aber ich bin mir nicht sicher, denn der Mann darauf ist jung, hat längeres Haar, hübscher Junge.
Dazu kommt ein anderes Passfoto, eine junge Frau, blond, ich bekomme dazu ein heiteres, befreites, Gefühl, hoffnungsvoll, abenteuerlich.

Dann bekomme ich eine Autofahrt gezeigt, erst über eine schmale Landstraße und dann über eine Brücke, da sind kleine Fahnen auf der Brücke.
Jetzt sind wir in einem größeren Tagungsraum, lange helle Tische, mehrere Menschen sitzen da und es geht „hoch her“, ich habe das Gefühl, gleich zu platzen, irgendwas wird hier beschlossen, was mich richtig aufregt und ärgert.
Mich ärgert besonders ein älterer Mann mit schütterem Haar und silberner Brille, der verschließt sich jedem Argument und ich bin sicher, das macht er aus niederen Gründen.

Als Letztes sehe ich rote Damenschuhe, was die zu bedeuten haben, weiß ich nicht. Ich bin gar nicht sicher, ob die Rainer selbst etwas angehen oder ob er dich auf etwas aufmerksam machen möchte, denn in ihm ist so eine Art brüderlicher Zuneigung, als wolle er dir Mut machen…
Ich verstehe dieses Bild überhaupt nicht, aber er meint, du würdest das schon verstehen, wenn´s sein soll.

G: reichts?

U: Keine Ahnung, aber viel mehr geht nicht…

G: Ich finde, es reicht jetzt langsam, hast du studiert?

U: nein…

G: deshalb!

U: wie deshalb?

G: Ich finde keine Uni in deinem Kopf…

U: Na gut, Rainer, können wir bitte jetzt die Fragen deines Bruders beantworten?

G: Ja, ich weiß ja, wo der Schuh drückt. Aber wir lassen´s mal ruhig angehen, ja?

U: einverstanden.

G: Hast du Angst vor Wespen oder Bienen?

U: ne…

G: Es gibt Menschen, bei denen ist es vernünftig, wenn die Angst davor haben, aber man kann sich auch vor Sachen fürchten, die gar keine Bedeutung haben.

U: Hast du Angst vor seinen Fragen?

G: ICH?! Ne, nie!

U: schön, dann: Hast du Harald, deine Frau, deine Kinder und deine Mutter am Krankenbett wahrgenommen, als du im Koma gelegen hast?

G: Ich habs versucht, ich war da und auch nicht, alles war wie im Traum, dann bin ich raus…
Ich dachte, das ist geträumt, aber war´s nicht.
Sie war so versteinert, ich dachte, was träume ich da für´n Käse?
Ich weiß nicht, wieso die mich zurückholen wollen!
Was sollte das denn? Da war ich wirklich sauer!
Das hast du gemerkt!
Ich weiß, dass du gemerkt hast, ich will das nicht mehr!

U: Wo warst du da, warst du noch in deinem Körper?

G: ne! Ne, wirklich nicht! Aber ich war schon so knapp vorm Licht und dann war ich da und ich hab immer versucht, dass er mich versteht…

U: Was sollte er verstehen?

G: Dass ich gehen will!
Ich habs ihm gesagt, hier (fasst sich aufs Herz), da hab ich das reingegeben:
Ich will frei sein, Mensch! Lass mich frei!
Es war aber gut, dass er gewartet hat.
Ich hätte es nicht ertragen, wenn er Schwierigkeiten gekriegt hätte.

Den Frauen konnte ich damit doch nicht kommen.
Mensch, ich war so froh, dass du klar geblieben bist, ich konnte das nicht mehr hören: Vielleicht wird ja noch…
Was soll da werden?
Mein Hirn war Matsch!
Ich bin froh, dass du vernünftig warst!
Einer wie ich, der ist nicht gemacht für Gefangenschaft und das war´s doch.
Ich bin oft rüber, aber du kriegst keine Ruhe, wenn der Körper noch läuft, ach, das war nicht schön, wäre besser gewesen, ich wäre gleich gestorben.

U: War es die richtige Entscheidung von Harald, deiner Frau, Mutter, Kindern und deiner Schwester, die Geräte abzuschalten?

G: Harald, es war das Allerbeste, das du je für mich getan hat.
Machen wir uns nichts vor, ohne dich hätten die Frauen die Entscheidung nie getroffen, das hätte ewig so weitergehen können!
Ich bin dir so dankbar.
Weißt du, wie das war?
Das war wie Schwimmen an einer Kette, da wirst du verrückt!

Pass auf!
Ich weiß, du liest das hier und der Zweifel kommt trotzdem, aber ich sag dir was: WENN ich gewollt hätte, ich hätte weiter gelebt!
Hör dich noch mal um, das gibt’s, es gibt Menschen, da denkt jeder:
Wenn die von den Maschinen kommen, dann sind die tot, aber es geht weiter.
Ich nicht!
Ich wusste, es ist genug jetzt, ich darf zurück, ich war da, am Licht, du kannst dir nicht vorstellen, wie schön das ist!
Nie hätte ich so was erwartet und dann kannste da nicht rein!
Mann!

Ich wollte euch trösten, tut mir leid, dass es nicht so durchgekommen ist, wie ich gehofft habe. Aber ihr habt´s gespürt, dass ich nicht richtig tot bin.
Bin ich auch nicht, ich bin lebendig, nur anders…

Tust du mir einen Gefallen? Machst du ihr Mut, weiter zu machen?
Sie ist zu jung, um nur noch für andere zu leben.
Ich will das nicht!
Ich bin ihr dankbar, für alles, ist alles gut.
Aber ich will nicht daran schuld sein, dass sie ein unerfülltes Leben lebt.
Klar? Verstehst du mich?

Man muss das Beste aus seinem Leben machen. Ich glaub, ich hab das ganz ordentlich hingekriegt, aber das gilt auch für euch.
Hör mal, du kennst den Tod, du weißt, da ist was weg, wenn einer tot ist.
Bei mir KONNTE es nicht weg sein, weil diese – entschuldige – Sch… Maschine mich gebunden hat.
Hee, du hast mich befreit!
Ich bin dir was schuldig, verlass dich drauf, ich steh dir auch bei, wenns bei dir mal soweit ist.
Versprochen!

U: War der Stoß mit dem Kopf gegen die Glastür im Marktkauf der Anlass für die Auslösung des Hirninfarkts?

G: Ne. Ich hatte da eine Stelle, die war so dünn wie Papier, das war so, war keine Krankheit, war mein Exit Punkt.

Harald, keiner stirbt, ohne dass seine Zeit dafür da ist, nicht EINER!
Ich weiß, was ich dir da sage!

Ist aber so, ne, es war einfach so, dass die Stelle immer dünner wurde, poröser und dann war´s soweit, wäre auch ohne den Stoß passiert, hätte auch einfach beim Bücken passieren können…
Gibt Leute, denen passiert das im Schlaf, ist wie eine eingebaute Zeitschaltuhr…

Mensch, Harald, ehrlich, kannst du dir vorstellen, wie ich als sabbernder Keks in `nem Rollstuhl jahrelang vor mich hinvegetiere?
Ich doch nicht!
Du, wenn mich was gegruselt hat, dann so eine Vorstellung.
Ich bin so froh, dass mir das erspart geblieben ist!

U: Was wäre denn passiert, wenn das nicht gemacht worden wäre?

G: Dann wäre das so weitergegangen, bis mich irgendein Virus geschafft hätte, zu befreien.
Ich war doch schon tot, meine Seele war RAUS!
Verstehst du?
Ich kam da in den Körper nicht mehr rein, aber eben auch nicht weg ins Licht…

U: Das ist gruselig…

G: Das kannst du sagen!

Aber Harald hat es gespürt und ich bin so froh, dass er den Mut hatte, auszusprechen, was die anderen sich nicht trauten!

Ich bin so dankbar dafür!

U: Hast du schon euren Vater getroffen?

G. (lacht): Na klar!
Ging gleich hoch her, ist schön jetzt mit ihm, kannst mir glauben, es ändert sich soviel, das Verstehen wird anders…
Ach, ich muss ruhig sein, nicht, dass du auf die dumme Idee kommst, mir wieder mal alles nachzumachen (lacht).
Du hast noch viel vor, mach mal, find ich gut!

Aber denk dran: Zeit ist kostbar, die muss man ausschöpfen!
Mach das besser als ich.

Weißt du, was bleibt?
Alles, was Liebe ist, das bleibt, alles, was Freude gemacht hat, das bleibt.
Alles andere?
Ach, danach fragst du nicht mehr.
Liebe, Vertrauen, das ist es, das nimmt man mit und Dankbarkeit!
Und dann stehst du da und fragst dich, warum du dich über soviel aufgeregt hast im Leben!
Das spielt letztlich alles keine Rolle mehr, tja.
Denk mal drüber nach!

U: Was würdest du für Anne und Isabel für einen Schulweg empfehlen?

G: Das Abitur sollten sie machen können.
Aber ihr müsst ihnen Zeit lassen, ist nicht einfach ohne Vater, da ist vor allem in Anne viel Wut.
Nur: Gebt nicht nach, ist ja egal, wie schnell sie es schaffen, aber die sind dazu fähig, die schaffen es!
Sie brauchen Hilfe, ich weiß das doch!
Ich weiß ja, sie fühlen sich von mir im Stich gelassen!
Darüber müsst ihr reden, ihr müsst selbst auch schimpfen.

Seid doch nicht alle so verdammt vernünftig!
Die Kinder denken doch, mit ihnen stimmt etwas nicht, wenn sie nicht vernünftig sind!

Bitte, seid doch einfach ehrlich. Ihr seid alle wütend, weil ich einfach weg bin!
Ja, ist kindisch, na und?
Wenn ich es mir erlaube, hier in Badelatschen aufzutauchen, dann könnt ihr es euch doch auch leisten, dass der Lack ein bisschen abblättert, oder?

Nur der Kinder wegen, bitte…

Eins möchte ich noch sagen:
Ich liebe euch, ich hab das so nie leicht über die Lippen gekriegt, aber ich liebe euch alle ohne Ende.
Ich bin stolz über meine Familie, ich bin glücklich mit dem, was mein Leben war und ich werde nie aufhören, stolz auf euch zu sein.

Harald, und dir sag ich: Ich war immer stolz auf meinen Bruder!
Du bist ein guter Mann geworden.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal darüber ärgere, dir keine Komplimente zu machen, aber ich ärger mich jetzt!
Ich hätte zu gerne in deine Augen gesehen, wenn ich sage:
Ich bin stolz auf dich!

Du musst keinem was sagen, was du nicht sagen willst.
Aber ich will, dass du es nie vergisst.

Wenn ich noch was hätte sagen können, ich hätte gesagt: Danke!
Und ich hätte gesagt: Ich liebe euch.
So!
Jetzt reicht´s, machs mal gut, pass auf dich auf und hör auf so viel zu grübeln, ist nicht gut.

Uta, danke, und ich denke, jetzt kann ich gehen?

U: Ja, ich danke dir auch…

G: Hm, schade, dass du nicht eine einzige Automarke erkannt hast!

U: tut mir leid…

G: Na, macht nichts, man kann nicht alles kennen. Ich geh dann jetzt.

U: Tschüss, Rainer, und ein wunderbares Sein noch…