Liebe

Hundert Jahre alt werden ist nicht einfach…

Hundert Jahre alt werden, ist nicht einfach,
da brauchst du aber Mut und Bescheidenheit.

Da kannst du NICHTS mehr allein, immer müssen andere helfen.
Als ich jung war, hab ich immer gedacht, ich sterbe mal früh.

Verstorbenenkontakt

 

Ich bitte meinen Guide, mich mit Gerlinde zu verbinden, ihre Enkelin Angelika bittet um dieses Reading.

Gerlinde kommt gleich zu mir, sie ist nicht ganz so alt wie auf dem Foto, ihr Haar stellenweise dunkler, ihr Gesicht weicher. Doch obwohl sie nicht in einem Rollstuhl sitzt, stützt sie sich schwer auf einen Stock.

G: Ja, die Hüfte, das war was, das war was, aber jetzt ist es ja vorbei!
(Sie lacht und wirft den Stock im hohen Bogen weg … dann setzt sie sich zu mir, steht aber gleich wieder auf und schaut sich die Blumen in meiner Fensterbank an.)

G: Nicht zu viel gießen! Das wird nichts!
Sie nestelt an einigen Pflanzen herum, zieht hier und etwas trockenes Grün heraus. Dann fasst sie in die Rocktasche und putzt sich die Hände in einem weißen Taschentuch mit Spitzenumrandung ab. Jetzt setzt sie sich hin (ich bin versucht zu sagen: endlich!).
Sie lacht, nimmt sich eine Zeitung, schaut aber über den oberen Rand hinweg zu mir her.

U: Warum liest du denn jetzt Zeitung?

G: Ja, wenn ich störe!!! (Sie lächelt aber dabei, ich habe den Eindruck, sie will mich ein wenig foppen.)

U: Ach, Gerlinde, ich muss dich doch beschreiben, sonst weiß deine Enkelin nicht, dass du es bist.

G: Ja? Na, dann wollen wir uns aber benehmen.
Jetzt setzt sie sich ganz gerade hin, ihre geblümte Bluse zieht sie noch einmal mit einem Ruck gerade und den grauen Rock schön über die Knie.

G: so! Jetzt können wir anfangen!

U. Du bist so fröhlich, woran liegt das?

G: ja, warum denn nicht? Man soll nicht jammern.
Ich war alt und mein Leben lang hab ich versucht, was Ordentliches draus zu machen, warum soll ich da nicht fröhlich sein?

Ich hab immer gesagt: Wer rastet, rostet (lacht), ich musste dann ja, aber ich bin ganz schön lange gerostet, was?

U: Ja, 91 bist du geworden!

G: nee (macht große Augen).

U. doch!

G: Nee, ich hab gemeint, 100 könnten das wohl sein …

U: Ja doch! Hast ja recht! (Das fällt mir jetzt erst auf.)

G. lächelt: Ja, das darf aber nicht passieren. Genau muss man schon sein! (Sie tadelt mich zwar, aber so lieb, dass die gute Stimmung hier nicht kippt.)

G. wedelt so mit der Hand, als sie darauf sagt: Nu, ich konnt auch anders, frag mal meine Kinder! Aber das waren andere Zeiten. Ach ja! Wenn du da stehst und zusehen musst, wie du deine Familie durchbringst, das war nicht so wie heute.
Obwohl, das ist doch eine Schweinerei, was heute mit den Menschen passiert!

U: Was meinst du denn damit?

G: Nu, das kener mehr Zeit hat, das ist ja kein Arbeiten mehr, das ist ja ein Gehetze.

Nee, nee, für mich wär das nüscht. Ich würd das nicht wollen und ich würd mir auch nicht den Mund verbieten lassen.
Ich hab gesagt, was ich dachte, und wem das nicht passte, der konnte ja antworten.
Aber das geht ja heute alles nicht mehr, die sind dann ja gleich arbeitslos!

Sag ihr mal, ihre Omi passt auf sie auf, wir haben uns nie die Butter vom Brot nehmen lassen und das soll ihr auch nicht passieren!

U: du meinst, der Angelika?

G: nu ja? Wem denn sonst? Ist ja sonst keiner da, der fragt.
Ach, wo hab ich sie denn bloß (fängt an, in einer Handtasche zu kramen, nach einigem Aus – und wieder Einpacken hält sie endlich eine Brille in der Hand, setzt sie auf mit der Bemerkung: Brauch ich nicht, brauch ich nur zum Lesen, ich hab Augen wie ein Luchs!
Und dann nimmt sie eine Zeitung, da steht ein kleiner Artikel und ihr Bild dazu. Das zeigt sie mir.

U: aha, zum Geburtstag?

G: Ja, die haben mich immer nach meinem Geheimnis gefragt.

U: nach deinem Geheimnis?

G: Na, warum ich so alt geworden bin…

U: und? Gab´s ein Geheimnis?

G: Ach was, nein, jeder wird so alt, wie er kann, so ist das einfach. Und wenn Schluss ist, ist Schluss, ganz einfach.

Die denken alle, dass sie gerne 100 werden würden, ist doch gar nicht wahr!
Die wollen nur nicht totgehen!

U: Ist das nicht das Gleiche?

G: ne, meine Liebe!

Hundert Jahre werden, ist nicht einfach, da brauchst du aber Mut und Bescheidenheit. Da kannst du NICHTS mehr allein, immer müssen andere helfen.

Als ich jung war, hab ich immer gedacht, ich sterbe mal früh. Und als die Bomber kamen, hab ich gedacht: Na, jetzt ist es soweit, jetzt ist Schluss. Und dann die Krankheiten und immer kommt noch was dazu.

Und immer hab ich gedacht: Jetzt ist es vorbei. War aber nicht so. Alle sind an mir vorbei gestorben. Da hab ich gedacht: Ja, hört das nie auf?!

U: Warst du ärgerlich, dass du so alt geworden bist?

G: Ne, das nicht, man muss dankbar sein für gute Tage. Aber, na ja, das ist doch kein Leben, das ist doch nur warten.

Aber als ich dann richtig alt war, da war es gut. Da hab ich aufgehört, zu warten, dass ich sterbe.

U: was war daran gut?

G: Ich hab mir einfach keine Sorgen mehr gemacht um nichts. Wozu? Wenn du weißt, dass jeder Tag der Letzte sein kann, machst du dir keine Sorgen mehr. Dann freust du dich schon, wenn du fühlst, dass die Sonne auf deine Hände scheint.

So ist das! Das sollte ich wohl lernen und jetzt sag ich das mal weiter: Das ganze sich Sorgen hat gar keinen Sinn, es kommt ja doch so, wie es kommen soll!

Ich hab mich auch nicht mehr ärgern lassen. Wozu? Da hab ich gemerkt, dass ich mich im Leben viel zu oft geärgert habe, aber das hat doch nichts genutzt!

Einmal hab ich gehört, dass einer gesagt hat: „Das alte Aas stirbt nie.“ Gerade wollte ich mich ärgern, aber dann hab ich gelacht.

U: Wieso hast du gelacht?

G: So ein junger Schnösel, was weiß der denn vom Leben? Und über den soll ich mich ärgern? Wozu?

U: Vielleicht muss man wirklich sehr alt werden, um das zu verstehen.

G: Na ja, wenn du keine Zeit mehr hast, dann wirst du eben geizig mit dem, was du hast!

U: Ach so, jetzt verstehe ich: Wenn man nicht weiß, ob man gerade seinen letzten Lebenstag hat, dann wird man geizig um jede Stunde, in der man sich entscheiden kann, ob man sich ärgert oder nicht.

G: na ja! Ich war nicht geizig, sparsam war ich, so wird man erzogen.

U. Jetzt meinst du aber nicht die Zeit?

G: Ne, jetzt meine ich Geld. So (stampft mit dem Stock auf den Boden), jetzt könnten wir eigentlich mal in den Garten gehen!

U: Das geht leider nicht. Wir müssen doch noch arbeiten!

G. Ne, ich nicht, mach du mal, was du zu tun hast, ich sehe mich mal ein bisschen um.

Gesagt, getan, sie ist einfach raus, ich sehe aus den Augenwinkeln, dass sie draußen den Vögeln zuschaut, denen wir einen Nistplatz in einem Baum eingerichtet haben. Es hilft nichts, ich muss ihr nach.

Sie lächelt, als ich sie bitte, wieder zu mir zu kommen. Sie zuckt nur mit den Schultern, sagt nichts und setzt sich zu mir an den Schreibtisch.

U: Worüber amüsierst du dich?

G: Ach, du bist genauso verrückt wie die ganze Welt jetzt: keine Zeit, keine Zeit …

Wir haben auch hart gearbeitet und mir hat nie einer was geschenkt, aber man darf doch nicht aufhören, Mensch zu sein. Ich brauch keine Vögel mehr gucken. Wenn ich das will, habe ich so viele Tiere bei mir, wie ich will.

Aber ich will euch sagen: Kinder, seid doch nicht so verrückt. Ihr habt doch dieses Leben, um das auch zu leben!

Hier.
Sie zeigt mir ihre Hände, die so ausschauen, als hätten sie ein Leben lang harte und schwere Arbeit verrichtet.
Hier. Die konnten zupacken, aber ich hab nicht nur geschuftet!

U: Was hast du denn gerne getan?

G: Musik hab ich so gern gehabt. Und wenn ich frische Erdbeeren mit Dickmilch hatte. Und das duftet so …
Mensch, das ist doch alles so schön! Und ich hab auch gerne mal zugehört und ein paar gute Worte gewechselt.

Der Mensch ist doch kein Vieh!

U: Hilde, warum sagst du das alles, es ist doch für deine Enkelin oder nicht?

G: na ja, eben! Weil´s für sie ist!

U: Gut, ich würde jetzt gerne deine Seele beschreiben, so, wie ich sie empfinde, darf ich das tun?

G: na ja … ja!

Hilde ist eine seltene Mischung, das lässt sich schwer beschreiben: Auf der einen Seite ist sie bescheiden, drängt sich nicht auf, will eine „gute Arbeit“ machen. Auf der anderen Seite hat sie ihren ganz eigenen Kopf. Viele ihrer Gedanken empfinde ich als sehr ungewöhnlich.
Dahinter steckt viel mehr Weisheit, als ich ihr auf den ersten Blick zugetraut hätte.

Was mich sehr fasziniert, ist ihr WILLE zum Zufriedensein, sich nicht unterkriegen lassen von den eigenen Emotionen.

Ich habe wirklich großen Respekt vor dieser Seele, je länger sie bei mir ist.

Ich denke allerdings, dass der Umgang mit ihr in jungen Jahren nicht so einfach war. Sie ist, was ihre Meinung angeht, ehrlich und offen.

Aber was ihre Gefühle angeht, da kommen wenig WORTE. Nicht, dass keine da wären, es sind große, tiefe und gute Gefühle besonders für ihre Familie da, aber sie kriegt das einfach nicht in Worte …

Ich versuche, mich in ihre Kindheit einzufühlen und sie gibt mir ein Bild. Eine flache Landschaft, der Schnee liegt hoch und einige Kinder unterschiedlichen Alters müssen durch diesen Schnee.
Dann zeigt sie mir einen Schulraum, da sitzen wieder diese Kinder. Der Raum ist so kalt, dass die Fenster innen mit Eisblumen überzogen sind.

Und jedes Kind wickelt ein oder zwei Kohlen aus Zeitungspapier aus, die der Lehrer in einen sehr einfachen, schmalen Ofen legt …

Kann es sein, dass sie ein Geschwisterchen verloren hat? Sie zeigt mir das Bild eines sehr kranken Kindes, das scheint eine ganz schwere Infektion zu haben, atmet nur röchelnd. Und ich fühle, was Gerlinde bei diesem Anblick gefühlt hat, das hat sie fast zerrissen, so traurig war sie da.

Dann sehe ich ein Haus in einer großen Stadt, kann es sein, dass sie da einmal als junges Mädchen gearbeitet hat? Ich sehe sie in einer weißen Schürze stehen, das Haus gehört auf keinen Fall ihr, aber sie hatte da zu tun.

Ich glaub das war nicht lang … eine kurze Zeit in ihrem Leben.

Ich frage nach Vater und Mutter, die Mutter kommt sehr deutlich: Eine sehr warme Frau, eine die gut ist, wie Hilde es nennt.

Den Vater zeigt sie mir in Hose mit Hosenträgern, kleiner Schnäuzer, im Hemd auf einem Sofa sitzen und eine Zigarre rauchen. Große Hände hat der, auch er scheint sehr, sehr viel gearbeitet zu haben. Er ist der Hilde nah, aber sie hat so viel Respekt vor ihm, dass da irgendwie kein Näherkommen war.

Jetzt sehe ich sie wieder vor ihm stehen, aber jetzt hat sie einen Mantel an, sie ist vielleicht 16 oder 17, in einer Hand hat sie einen ganz kleinen Koffer. Der Vater zählt ihr Münzen hin: zwei ziemlich Große und ein paar Kleine.

Es folgen wieder Bilder einer Stadt, in der sehr viele dunkle Schornsteine rauchen. Schön findet Hilde das nicht, das Gefühl der Angst kommt und ich spüre, wie sie diese Angst damit unterdrückt, dass sie sich stattdessen lieber freut, dass sie jetzt ihr eigenes Geld verdient und sich ausmalt, was sie davon kaufen will.

Sie träumt davon, ihrer Mutter eine Bluse aus feinem Stoff kaufen zu können, an sich denkt sie gar nicht.

Ich versuche, weiter zu gehen, frage sie nach der Liebe in ihrem Leben. Und sie zeigt mir das Bild eines Soldaten, das Bild ist an den Rändern ganz abgegriffen, als hätte sie es sich tausend Mal angesehen.

Das Gefühl dazu ist eine eigenartige Mischung aus Sehnsucht, Verzweiflung und auch Wut.

Dann sehe ich einen Mann in einer Art Schlosserkleidung über eine Weide gehen und das fühlt sich gut an. Es ist, als würde nach sehr langer Wartezeit das „richtige Leben beginnen“ mit diesem Mann. Der ist fröhlich, zupackend, mitreißend …

Es geht weiter im Leben, ich habe den Eindruck, sie ist längst Mutter, aber sie arbeitet dennoch.

Sie zeigt mir ihre Hände, die sind ganz rissig und voller Schwielen, aber sie lacht, sie meint: Bei uns musste keiner hungern!

Sie hat eine Art Gummistiefel an den Füssen und einen bunten Kittel an, das Haar ist unter einem hinten zusammengebundenen Tuch verdeckt. Ich höre Lärm in der Nähe … ein lauter Motor.

Wir gehen an einem sehr großen, grauen Gebäude vorbei, dann eine Straße entlang, ein Mann auf einem Fahrrad grüßt freundlich, der sagt aber nicht Gerlinde zu ihr, Trudi oder etwas in der Art, sie scheint sehr beliebt zu sein.

Jetzt kommen wir in ein Häuschen oder Wohnung (nicht groß), mit einer Tapete, die mich an Muster der sechziger Jahre erinnert. Ein junges Mädchen, langes Haar… und Hilde sieht auf den ersten Blick, dass die sich ihren Rock umgekrempelt hat, damit der etwas kürzer ist.

Ui, da bekommt die aber was zu hören! Trotz der Schimpfe: Die Gefühle von Gerlinde sind einfache und tiefe Liebe und Fürsorge. Verantwortungsbewusst eben, egal wie zornig sie sich zeigt.

Ich glaube, diese Liebe konnte eigentlich jeder spüren.

Dann geht diese Zeit offensichtlich zu Ende, dieser Schwung fehlt, alles wird viel, viel schwerer.

Kann es sein, dass sie ihren Mann viel zu früh verloren hat? Oder war ihr der Verlust ihrer Arbeit schwer? Vielleicht ist auch beides ziemlich zeitnah gewesen.

Eine ganze Weile lang fühlt sie sich an, als würde sie am liebsten aufgeben, aber dieses Wort scheint in ihrem Vokabular einfach nicht vorzukommen!

Wieder setzt sie ihren Willen gegen negative Gefühle ein, reißt sich zusammen, wird noch gebraucht.

Hat sie Enkelkinder betreut? Sie zeigt mir jede Menge Fotos von Kindern und freut sich so sehr dabei.

Jetzt kommen wir zur letzten Lebenszeit: Ein großes Haus sehe ich und einen sehr langen Gang. Ein helles sonniges Zimmer. Es wird stiller in ihr. Nicht traurig, stiller. Dieses ewige Kämpfen hört einfach auf.

Ich sehe andere alte Menschen, einige von ihnen haben Gerlinde doch hin und wieder zornig gemacht, weil – wie sie sagt – die sich so gehen ließen.

Das macht sie nicht. Ich sehe junge Menschen, die tragen weiße Hosen. Ein Gesicht bleibt länger: Eine junge Frau mit dunklem Haar, das hinten zusammengebunden ist, die scheint Hilde sehr zu mögen.

Gerlinde vergisst immer, zu trinken. Die anderen sind dann manchmal nicht freundlich, aber diese junge Frau schimpft nie mit ihr.

Die letzten Bilder: Ich nehme sie liegend wahr, sie scheint zu schlafen, ganz friedlich.
Aber ich bin sicher, es ist der Augenblick ihres Todes … eine einzelne Träne fließt über die Wange.

Da öffnet sich für Hilde der Raum und es stehen so viele da, um sie abzuholen! Das Schönste scheint aber ihre Mutter zu sein…

U: vielen Dank, Hilde, danke für die Bilder …

G: Sie hat mir auch was gemalt!

U. wer?

G: Angelika, die ist ein liebes Mädchen. Sag ihr, sie ist auch eine hübsche Frau, sie soll sich da keine Gedanken machen. Von mir haben Männer immer gesagt, dass ich hübsch bin, nur Frauen nicht (lächelt).

Sag ihr, sie muss an sich glauben und sie darf sich nicht so viele schlechte Gedanken gefallen lassen.

Das hab ich auch nicht getan!
Und das, was ich kann, kann sie auch!
Man muss sich immer wieder selbst Mut machen, dann geht’s auch weiter!

U: Das sag ich ihr gerne. Darf ich dir jetzt die Fragen deiner Enkelin stellen?

G: ja, sicher!

U: Angelika fragt, wie es dir jetzt geht und womit du dich beschäftigst?

G. lacht: ich? Ich beschäftige mich nicht! Ich seh mir zu. Ich hab immer gedacht, was soll an mir Besonderes sein? Aber jetzt sehe ich, dass ich so vielen Menschen Mut gemacht habe, das habe ich gar nicht gemerkt.
Ich hab immer gedacht, ich bin ein ängstlicher Mensch, aber das war gar nicht so.

Ich hatte Angst, aber ich hab trotzdem gemacht, was ich machen wollte.

Das ist schön, das anzusehen.

Und sonst bin ich viel mit den anderen zusammen, sie haben mir doch so lange gefehlt! Manchmal feiern wir und manchmal leben wir so ganz wie in der Jugendzeit und tanzen sogar und haben Musik.

Es ist so schön, mit ihnen zusammen zu sein. Auch viele aus dem Dorf. Ich weiß, wenn ich will, dann kann ich auch rasch weitergehen, aber ich will nicht.
Es ist doch so schön hier.

U: Angelika fragt, wie du die letzte Zeit deines Lebens empfunden hast.
(Angelika, die Frage danach, an was sie sich erinnert, stelle ich hier nicht. Verstorbene haben keine Erinnerung in unserem Sinn, sie müssen in die Zeit zurück und erleben das alles noch einmal, als wäre es jetzt, ich trau mich da nicht dran.)

Die letzten Jahre? Ach, ich war zufrieden. Ich hatte es doch gut. Manchmal hab ich gedacht, jetzt könnte aber auch mal Schluss sein, aber meistens hab ich geträumt. Wenn ich geträumt habe, war ich zuhause, das war auch schön.
Aber was ich nicht mochte, war, wenn sie nachts ins Zimmer geleuchtet haben.
Man muss eben das Beste draus machen.

U: Angelika fragt, ob du wusstest, dass dein Leben bald zu Ende ist?

G: Kind, darüber habe ich mir gar keine Gedanken mehr gemacht.

Ich hab so lange gedacht: Deinen nächsten Geburtstag erlebst du nicht mehr. Und dann hab ich den doch gefeiert!

Ich war zum Schluss – glaube ich – eigentlich mehr in meinen Träumen, das war auch gut, ich hab das gebraucht.

U. Angelika fragt, ob du dich noch an sie erinnern kannst?

G: Natürlich kann ich mich an dich erinnern, du warst so ein Mäuschen (zeigt die Größe eines Babys), aber deine Augen, die waren gleich hellwach!
Du siehst mir auch ein bisschen ähnlich. Ich war ein hübsches, junges Mädchen. Nur nichts für kleine Männer (lacht).

Und guck mal, wir haben beide Blumen so gerne! Das ist doch schön, dass so was nicht stirbt, sondern immer weitergeht.

U. Bist du jetzt mit deinem Mann zusammen und siehst du meinen Vater?

G. ja, beide! Was denkst du denn, Kind!
Mach dir keine Sorgen um uns, wir sind doch da, wo alles anfängt und wieder zu Ende geht.

Eigentlich sind wir zuhause und ihr nicht! Aber das versteht man noch nicht, wenn man jung ist.

Dein Vati sagt, dass du seine Beste bist und dass wir stolz auf dich sein können, weil du ein guter Mensch bist.
Das sage ich auch. Aber du darfst dich nicht zu bescheiden geben, das ist nicht gut. Das nutzen immer gleich die aus, die es am Wenigsten verdient haben.

Ich hab das im Leben auch erst lernen müssen, mich zu wehren. Gerne hab ich das nicht gemacht, aber das muss man tun, wenn man nicht will, dass die die Übermacht kriegen, die gar nichts taugen.

Angelika, ich bin immer bei dir, wenn du Mut brauchst. Keine Angst!

Ich hab als junges Mädchen gedacht, ich bin eine richtige Memme, weil ich mich soviel nicht getraut habe. Aber dann habe ich gemerkt:

Wenn ich Angst habe und dann darüber nachdenke, wie oft ich für irgendwas doch mutig genug gewesen bin, dann ging´s plötzlich mit der Angst, dann wurde die kleiner.

So muss man das machen!

Oder als Frau, ja meinst du, ich hätte nicht gedacht: „Gott, wie du aussiehst!“, wenn ich in den Spiegel geguckt habe? Und nach Rosen hab ich bei meiner Arbeit ja auch nicht geduftet.
Aber wenn ich dann ein trauriges Gefühl gekriegt habe, dann hab ich gedacht: Na ja, die Figur ist nichts, aber meine Haare. Die sind doch schön, und meine Augen auch. Und dann hab ich gemerkt, wie ich gleich weniger traurig war.

So! Das wollte ich dir noch mit auf den Weg geben.

Wir könnten jetzt noch über Männer reden, aber da hab ich Fehler gemacht. Ich hab immer gedacht, wenn ich nur fleißig genug bin, dann lieben die mich um so mehr.

Nu ja, jetzt weiß ich: Mein Mann, der hätte mich mehr geliebt, wenn ich mal schwächer gewesen wäre!

Na, hinterher bist du immer schlauer.
War ja trotzdem gut, wir haben beide dazu gelernt und jetzt sind wir die besten Freunde, so geht das hier eben.

So, nun ruh dich aus und lass dir nichts gefallen. Das lohnt sich nicht.
Deine Oma!

Sie schüttelt mir noch die Hand, steht dann auf und geht.
Ich sehe, der Mann in der Schlosserkleidung holt sie ab, beide winken.
Gerlinde ist weg, auf meinem Tisch hat sie einen kleinen Strauss Wiesenblumen gelassen, ganz unterschiedlich lang gepflückt, wie ein Kind das tun würde.