Du hast Angst, Menschen zu enttäuschen, ich weiß.

Verstorbenenkontakt

Aber vielleicht denkst du auch mal daran,
dass es schlimmer ist,
sich selbst zu enttäuschen.
Die verpassten Möglichkeiten,
die ärgern hier am Meisten.

Wenigstens versuchen, sein Glück zu erleben.

 

Ich bitte meinen Guide, mich mit Wanda zu verbinden.
Wanda ist sofort da.

Zart sieht sie aus und wirkt wesentlich jünger,
als es ihrem Alter entsprechen würde.
Sie trägt eine Strickjacke, darunter ein Shirt
und wickelt sich regelrecht in diese Jacke ein.
Die Ärmel zieht sie bis über den Handrücken.
Sie trägt Jeans und Hausschuhe, die sehr dick ausschauen, „wollig“.

So setzt sie sich zu mir.

U: Schön, dass du gekommen bist, Wanda.
Frierst du?

W. lächelt: Nein, jetzt doch nicht mehr, hast du hier dein Büro?
(Sie wirft einen etwas skeptischen Blick aus dem Fenster,
vor dem ich sitzend arbeite.)

U: Hm, hm, ja, gefällt es dir nicht?

W: Och, können wir das mal ein bisschen ändern?
Sag aber, wenn´s dich stört, kannst du ruhig sagen!

U: Nein, das ist okay, mach es dir, wie du es willst…

Das tut sie auch, und wie!
Jetzt befinden wir uns in einem Zimmer
mit einem breiten Französischen Bett.
Da, wo vorher mein Blick auf eine Januar trübe Landschaft ging
und der Regen gegen die Fensterscheiben peitscht,
sehe ich jetzt auf türkisfarbenes Meer und Palmen…

Offensichtlich mir zu kitschig!
Denn ich bekomme immer wieder den Eindruck,
dass diese schöne Aussicht eine Tapete ist.
Aber für Wanda scheint das nicht so zu sein, denn sie sagt:
Ist doch toll! Oder?

U: Ganz toll und gemütlich.

W: Ach (winkt ab), das ist einfach, so was geht immer…

U: Was geht immer?

W: Es sich irgendwie schöner machen.
Ein bisschen Fantasie, das reicht doch!
Möchtest du ein warmes Bad?

U: Hm, das geht leider nicht, ich hab noch einen Körper!
Ich kann bei dir nicht baden.

W: Ich weiß, ich hab dich auch gar nicht gemeint… (lächelt).

U. Du meinst Sabine?

W: Ja, so was beruhigt, ein schönes warmes Bad…
Sabine, Schätzchen?
(Ich bin mir nicht sicher, ob sie genau diesen Ausdruck wählt,
der ist eigentlich zu niedlich, um an die erwachsene Tochter zu gehen,
fühlt sich aber so lieb an.)

Reg dich jetzt bloß nicht auf!
Es ist alles okay, deiner Mommy geht’s super, ja?

Wir wollen uns jetzt einfach einen schönen Tag machen!
Das reicht doch jetzt mit dem Traurig sein!

Ich erzähl dir erst mal, wie es hier so für mich ist.
Pass auf, du musst aber dran denken:
Ich muss durch ihren (zeigt zu mir) Kopf, das ist nicht so leicht.

So, schön! Ich versuch´s…

Wanda sitzt jetzt kerzengerade auf einem der Stühle hier,
allerdings scheint sie sich nicht entscheiden zu können, welchen:
Einmal ist es ein Schaukelstuhl aus dunklem Rattan,
einmal ein schöner Esszimmerstuhl,
aber sie sitzt dort wie „auf dem Sprung“, nimmt nur die vordere Kante ein.

Vielleicht gehört dies zu ihrer Art:
Immer ein wenig unruhig, schnell von einem Thema zum anderen springen.

Ich habe Mühe, ihren Übermittlungen schreibend nachzukommen.
Noch während ich dies schreibe, sagt sie:

Wirklich? Sag doch was! Mensch, das geht doch nicht!
Und sie bemüht sich, langsamer zu denken,
was ihr offensichtlich sehr schwer fällt.

Und schon wieder hat sie ein anderes Thema:
Jetzt hat sie sich umgekleidet, ihr Haar ist im Stil der achtziger Jahre frisiert und sie trägt ein weißes Baumwoll-Kleid: enges Oberteil mit Trägern,
weiter Rock, der mehrere Stufen hat, dazu Leinen Schuhe mit Bast-sohle…

Vor ihr ein kleines Mädchen im Badeanzug,
Schwimm-Flügelchen an den Armen.
Die Kleine fuchtelt mit einem nassen Schwimmreifen / -Tierchen
(ich kann das nicht anders beschreiben, es ist irgendwie beides)
vor der Mutter herum, deren Kleid darüber nass wird.
Aber Wanda schimpft nicht, sie  lächelt…

W: Es gibt so viele schöne Erinnerungen!

U. Da willst du dich gar nicht mit den Schweren beschäftigen?

W: Nein, wozu?

U: Aber vielleicht braucht es Sabine?

W: Ich weiß, ja.
Sie wird ernster.
Zwischen ihren Augenbrauen erscheint eine kleine Steil-Falte.

W: Ich wollte kämpfen, ich wollte gar nicht so gehen, aber ich war fertig! Also, ich war bereit, jedenfalls als Seele, mein Verstand aber nicht.
Da waren noch so viele Verantwortungen und ich hätte nie gedacht,
dass es einfach vorbei sein kann. So wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wer denkt schon so was?

Das ist wie mit Kleingeld für die Parkuhr.
Du weißt genau, das musst du dabei haben, aber dann hast du doch keins. Du parkst trotzdem!
Und dann weißt du, dass du ein Knöllchen kriegen kannst.
Aber wenn du das dann tatsächlich an der Windschutzscheibe hast,
dann trifft dich das doch!

(An mich gewandt.)
Meinst du, dass sie das jetzt versteht? Mensch, ist das schwierig!

U: Ich glaub schon. Du willst sie trösten…

W: Ne, das kann ich gar nicht.
Ich möchte… ha… ich möchte mich entschuldigen!

U: Für was?

W: Ich weiß, dass sie mich so vermisst, das tut mir so leid!
(An dieser Stelle spüre ich ganz tiefe Trauer in ihr.)
Ich hab nicht nur Glück im Leben gehabt, ich hatte auch viel Pech!
Und Sabine hat da immer mitgelitten. Das wollte ich wirklich nie!
Ich wollte immer eine gute Mutter sein!
Und ich wollte, dass sie glücklich wird, wirklich!
Aber ich war einfach so fertig, ich konnte nicht mehr kämpfen!

U: Hättest du denn gegen dein Sterbedatum kämpfen können?

W. nickt.

U: Der Zeitpunkt ist vorgeschrieben…

W: Es gibt drei Möglichkeiten, immer…

U: Okay…

W: Aber es war so schön, ich hab geträumt:
Von einer Insel, ich war im Wasser und das war ganz klar
und ich hatte überhaupt keine Angst mehr!
Ich bin einfach nach unten gesunken.
Aber es war ganz hell da und dann waren alle da: meine Mutti und alle!
Und sie hat mich so fest in den Arm genommen und gesagt:
Kindchen, wie siehst du denn wieder aus?

Da habe ich immer noch gedacht, dass ich träume,
aber dann hab ich was gehört…

U: Was?

W: Ich hab sie schreien GEFÜHLT.
Immer wieder: Nein… nein…

U: Wen, deine Mutter?

W: Sabine! Und die war so weit weg, so weit.
Und da hab ich es gewusst, ich bin nicht mehr bei ihr, ich träume das nicht! War schwer für mich!

Ich wollte zu ihr zurück, immer wieder…

Sie wird ganz still, setzt sich jetzt mit untergezogenen Beinen auf das Bett. Sagt lange nichts.
Ich wollte sie nie enttäuschen…
Ich wurde oft enttäuscht, hm… na ja… ich war so…
Ich hab erst vertraut und dann nachgedacht,
aber ich wollte niemanden enttäuschen.

Hast du eigentlich Angst vorm Alter?
Ich meine, du bist jetzt fast so alt wie ich damals.

U: Ich? Ja und nein: Man muss klug sein, wenn man nicht mehr jung ist…

W: Sie war so stolz auf mich! Sie hat mir so viel Mut gemacht!
Ohne Sabine wäre ich aus meinen Löchern gar nicht raus gekommen.
Sie ist eine so gute Tochter!
Ich hab ihr ein Gedicht geschrieben, meinst du, du kannst das übersetzen?

U: Oh, das ist so schwer. Okay, wir versuchen es.

Wanda stellt sich hin und liest:
Hand in Hand durchs Wunderland
sind wir gegangen.
Ich mit dir, du mit mir.
Ich trug dich, du mich.
Wenn die Angst, der graue Feind,
uns zusetzte, bis eine geweint hat,
halten wir die Liebe, ich halt dich fest in mir…

U: Das ist sehr schön…

W: Ich hätte aufpassen sollen, wo ich bin.
Ich hätte noch einmal zurückgekonnt.

U: Aber du wärest sehr krank gewesen…

W: Tja, aber vielleicht wäre es einfacher für sie gewesen.

U: Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Wanda, darf ich jetzt deine Persönlichkeit beschreiben, so, wie ich sie sehe?

W. nickt: Hm, hm.

Ich habe den Eindruck, eine Seele zu treffen, die es sehr gut fertig bringt, nur die Seite von sich zu zeigen, die sie zeigen will.
Heiter wirkt sie und völlig sorgenfrei.

Doch sobald ich mit ihr näheren Kontakt habe, spüre ich,
dass unter dem allen ganz andere Gefühle sind.

Was sie so ganz unerwähnt lässt, ist mir dennoch allgegenwärtig:
Es scheint, als hätte sie nie wirklich ohne Ängste gelebt,
zumindest aber Sorgen.
Mir ist, als hätte sie versucht,
diesen mehr oder weniger großen Ängstlichkeiten damit zu begegnen,
die Realität tatsächlicher Bedrohungssituationen zu verdrängen,
bzw. zu überarbeiten.

Nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Und so bin ich vielleicht nicht die Erste,
die sich für eine lange Zeit durch das äußere, angenehme Auftreten
über die schwierige, innere Lage getäuscht hat.
Ihre Fröhlichkeit, ihr Optimismus wirkt anstreckend und anziehend.
Dennoch spüre ich in allem die Angst, zu versagen.
Die Angst, Fehler zu machen oder schlimmer noch: solche zu wiederholen…

Ich glaube, es ist ihr schwer gefallen, das nach außen zu zeigen.
Und ich vermute, dass es nur sehr wenige Menschen gab, die das wussten.

Es scheint, als hätte sie zu alledem eine Art Zorn in sich getragen,
dessen Ursache ich nicht erfahre.
Etwas IN IHR, das nicht an die Oberfläche kommt.
Außer in Extremsituation.
Und dann kann es sein, dass sich der Zorn dann gegen sie selbst richtete? Dass sie mit sich selbst kämpfte statt gegen andere?

Sie hilft mir nicht dabei, hier tiefer zu kommen, vielleicht irre ich mich. Vielleicht ist sie selbst noch nicht soweit, sich soweit zu erkennen.
Ich habe kein gutes Gefühl, was ihre Beziehungen zu Männern angeht.
Mir ist so, als hätte sie in dem Zusammenhang gesprochen,
als sie von ihren Enttäuschungen sprach.

Ich habe den Eindruck, dass sie so viel von sich erwartet hat.
Kann es sein, dass sie um all das zu kompensieren,
Raubbau an ihrem Körper getrieben hat?

Es scheint mir, als hätte sie auf natürlichem Weg
keine innere Ruhe mehr bekommen.
Hat es Phasen in ihrem Leben gegeben,
in denen sie zu Tabletten greifen musste,
um irgendwie weiter zu funktionieren?
Ich bekomme immer nur das Wort Medikamente
und es ist an große innere Unruhe und Erschöpfung geknüpft.

Meiner Ansicht nach hat sie Zeit ihres Lebens viel versucht,
um die Anerkennung und Akzeptanz anderer zu bekommen.
Zu viel vielleicht?
Sie scheint sehr empfindsam für Ablehnung gewesen zu sein,
vielleicht auch manchmal zu empfindsam.

So sage ich:
Insgesamt scheint sie ein recht empfindliches Selbstbewusstsein
gehabt zu haben.
Auch wenn dies nach außen hin ganz anders aussehen konnte.

Ich kann nur schwer beschreiben, wie ich es wahrnehme:
Sie scheint im Inneren ein so verletzliches „Kind“ gewesen zu sein,
das eigentlich nie die Chance hatte, wirklich innere Stabilität zu erreichen. So hat sie sich den Anforderungen der Umwelt angepasst
und bekam die Anerkennung zeitweise auch für diese Anpassung,
für die „Rolle“ die sie spielte…

Aber wie es in ihr aussah?
Ich bin nicht sicher, ob das viele wussten?
Über ihre Schmerzen im Leben geht sie am liebsten
mit einem Wisch hinweg und es bleibt nichts,
als in sich selbst hinein zu spüren,
in welcher Reaktion die eigenen Emotionen kommen,
wenn man mit ihr zusammen ist.

Von ihrer Mutter umarmt zu werden,
scheint etwas ausgesprochen Wunderbares für ihre Seele gewesen zu sein. Etwas, wonach sie sich unendlich lang gesehnt hat.
Kann es sein, dass ihre Mutter zwar ein korrektes Verhalten
Ihnen gegenüber hatte?
Aber eben keines, in denen Emotionen artikuliert wurden?

Dass da eine Grund-Distanz aufrecht erhalten wurde?
Ich vermute, dass sie selbst als Mutter versucht hat,
genau das Gegenteil zu machen:
Tiefe Vertrautheit herzustellen und Nähe.
Jedenfalls fühlt sich ihre Liebe zu Ihnen, Sabine, so an,
ganz anders als die Liebe ihrer Mutter zu deren Mutter…

Anpassung scheint eine Art Schlüsselwort zu sein.
Immer und immer wieder, von Kindheit an.

Wer so aufwächst, hat es schwer, sich selbst zu finden
oder gar sagen zu können, was er wann und wie braucht…

Ich habe den Eindruck:
Manchmal, wenn ihr die Nerven durchgingen, konnte sie das.
Aber dann war es eigentlich schon derart eskaliert,
dass kaum eine Veränderung bewirkt wurde.

Kann es sein, das Wanda Stimmungs-Schwankungen hatte?
Dass sie einmal hoch begeistert war,
dann aber auch schnell wieder desinteressiert,
wenn nicht gar depressiv verstimmt war?
Sie fühlt sich so instabil an wie ein Blatt, das der Wind treibt.

Aber all das liegt unter der Oberfläche: Die ist strahlend.
Sie wirkt herzlich und so vielseitig interessiert.
Es ist durchaus schön, mit ihr zu reden, angenehm ist ihre Gegenwart.
Und spannend ist es – da ihr immer etwas Neues einfällt – auch.

Sicher war sie ein wunderbarer Freund und eine Mutter,
die sich für alles interessiert und tolerant genug ist,
die Eigenheiten des Kindes zu respektieren.

An dieser Stelle macht sie einen Einwand.
Sie meint:
Sie hätte nicht so viel Aufhebens wegen Gewichts-Fragen machen sollen,
es tut ihr sehr leid, wenn das zu Verletzungen geführt haben sollte.

An dieser Stelle spricht sie auch darüber,
dass sie zu oft und zu viel „geträumt“ habe und dass deshalb Sie, Sabine, viel zu früh die Vernünftigere hätten sein müssen.
Irgendwann wäre es ihr manchmal so vorgekommen,
als hätten sie die Rollen gerauscht.
Das habe sie nie gewollt!
Aber sie möchte, dass Sie, Sabine, wissen, wie sehr, sehr dankbar
sie dafür ist, dass sie versucht haben, ihr eine Stütze zu sein.

Ich denke, dass es für Wanda nicht leicht war,
tragende Beziehungen aufrecht zu erhalten, kann das sein?
Ich versuche zum Thema Partnerschaften etwas in ihr zu finden.
Aber ich sehe es so diffus, nirgendwo bleibt mein Blick lange hängen,
außer einmal.

Da sehe ich jemanden, der sehr solide wirkt
im blauen, zweireihigen Anzug, etwas untersetzt,
den Anschein von Wohlhabenheit ausstrahlt…

Doch auch hier bleibt es nicht lange.
Entweder kann sie sich zurzeit noch nicht erinnern
oder die Beziehungen in Ihrem Leben waren mehr oder weniger
von einer inneren Distanz  geprägt.
Vielleicht auch aus anderen Gründen die Begegnungen zweier Fremder…

Sie mag nicht darüber reden, ich soll aufhören damit.
Ich denke, das ist ihr gutes Recht.

Abschließend bleibt mir nichts anderes, als zu sagen:
Dass diese Seele ein so zartes Gefüge darzustellen scheint.
Etwas, das so viele Facetten zeigt, dass es mir sehr schwer fällt,
mich auf etwas festzulegen.
Ich glaube, sie war wirklich ehrgeizig, wollte von sich das Beste
und hat viel gegeben, um das zu erreichen.
Sie hat so sehr versucht,
eine erfolgreiche Frau und eine gute Mutter zu sein!

Aber sie selbst war auch jemand, der ein großes Defizit an Liebe hatte,
dass es nie genug war, um sich SELBST sicher zu sein.
Und damit verbunden – fürchte ich – gab es in ihrem Leben
tiefe emotionale Krisen, die sie versucht hat,
mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft zu meistern.

U: Vielen Dank, Wanda, darf ich dich bitten, mir einige Bilder zu geben?

W: Ja, welche?

U: Egal, was dir gerade einfällt, du kannst nichts falsch machen,
höchstens ich.

Das Erste, was ich sehe, sind zwei Flyer von einem Flughafen.
Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat.
Gleich darauf zeigt sie mir die Check-in Halle.
Viele Menschen sind hier nicht, es scheint Nacht zu sein
und wir scheinen eine kleine Ewigkeit hier zu warten.

Die nächste Szene zeigt einen festlich gedeckten Tisch.
An einem Stuhl sind viele Luftballons befestigt,
es scheint ein Kindergeburtstag zu sein.
Ich verstehe nur das Gefühl dazu nicht:
Wieso spüre ich an dieser Stelle ihre Trauer?

Die nächste Szene: ein Garten, eine Bank, eine Veranda.
Ein heißer Tag, schwül, es beginnt zu gewittern und ich spüre wirklich
bei jedem neuen Donnerschlag einen richtigen Schreck.

Eine Art Schulaula, jedenfalls ein großer Raum mit hohen Fenster. 
Ein kleine Ballett -Tänzerin rennt kichernd durch den Raum
und verschwindet auf der anderen Seite durch eine Tür…

Dann ein Motorrad, eine Lederkluft dazu.
Die scheint aber nicht ihr zu gehören, sondern einem Mann.
Die Emotionen dazu sind sehr gemischt:
Sorge und Freude, Zorn und Angst.
Irgendwie hab ich das Gefühl, dass nichts bleibt außer der Lederjacke…

Ein weißes Schiff.
Das sieht wirklich genauso aus wie das Traumschiff im Fernsehen.
Ich bekomme dazu den Geschmack von Salzstangen.
Keine Ahnung, was gemeint sein kann.

Zuletzt sehe ich eine Schale Erdbeeren, die werden an ein Bett gebracht.
Jemand liegt darin, ich glaube:
Diese Erdbeeren sind ein wirkliches Geschenk der Liebe…

Gerade will ich abschließen.
Da drängt sich mir immer wieder das Bild eines kleinen Kaninchens auf,
ich bekomme keine Emotionen dazu.
Ich weiß darum nicht, ob es überhaupt dazugehört.

U: Danke, Wanda, ich hoffe, dass Sabine damit etwas anfangen kann.
Statt einer Antwort zeigt mir Wanda eine Lesebrille und lächelt.

U: Was meinst du damit?
Auch das Kleingedruckte lesen?

W: Erinnere mich bloß nicht an so was!
Nein, auch zwischen den Zeilen lesen!

U: Okay. Wanda, darf ich dir jetzt die Fragen von Sabine stellen?

W: Ja, sag ihr, es war ein natürlicher Tod, es war Schicksal, ja?
Und es war ganz leicht.

U: Mach ich.
Sabine fragt, wer dich an der Regenbogenbrücke empfangen hat?

W: Alle!
Aber am meisten hab ich mich gefreut,
dass sich meine Mutter so gefreut hat.

U. Deine Tochter fragt, wie es dir geht und was du nun machst?

W: Ich sehe mir zu…

U: Ich glaube, das musst du ihr erklären…

W: Ich beobachte mein Leben und danach sprechen wir alles durch.
Es gibt so viel, was ich nicht verstanden habe.
Ich hab mich nicht verstanden, das hole ich jetzt nach.

Sonst?
Manchmal schau ich euch zu.
Manchmal liege ich aber auch einfach im Wasser
und lasse es mir gut gehen, mal so, mal so…

U: Sabine fragt, ob du je – speziell an deinem letzten Tag –
den Eindruck gehabt hast, dass sie dich im Stich gelassen hat?

W: Du hast mich nicht enttäuscht, du nicht.
Ich wollte doch, dass du dein eigenes Leben führst.
Du hast sowieso schon mehr für mich getan,
als Töchter für ihre Mütter tun sollten.
Denk so was nicht!

Ich hab dich zu sehr ins Vertrauen gezogen, das weiß ich jetzt.
Du hast dir ewig Sorgen um mich gemacht.

Sabine, bitte verzeih mir das.
Ich hätte die sein müssen, die sich um DICH Sorgen macht, oder?

Aber du warst so stark, so mutig!
Du hast gewusst, was du brauchst, was du willst…
Ich bin so stolz auf dich!

Sabine, manchmal war ich wie ein Kind.
Dann habe ich auch gedacht wie ein Kind, das tut mir leid.
Versuch, zu verstehen, dass ich keine so starke Mutter war,
wie ich versucht habe, zu wirken.
Aber ich hab dich wirklich immer, immer lieb gehabt.
Erinnerst du dich noch?
Ich hab dich so gern gekitzelt, weil ich dein Lachen so gern hatte.
Ich hab das immer noch so gern.

Sabine, ich wäre auf jeden Fall gestorben, ganz sicher!
Aber ich hätte so gerne noch richtig Abschied von dir genommen.
Na ja, das sollte wohl nicht sein, wer weiß, wofür es gut ist.

U: Konntest du mich spüren und hören,
als ich kurz nach deinem Übergang noch bei dir war?

W: Gehört habe ich dich nicht, ich hab nur gefühlt, was du gefühlt hast. Sabine, ich weiß auch so, dass du mich so sehr lieb gehabt hast
und dass du wolltest, dass ich Heim gehe und glücklich werde…

Aber ich hab auch gespürt, WIE du innerlich NEIN! gesagt hast:
Nein, lass es nicht wahr sein.

Es hat keinen Sinn, sich da was vorzumachen,
wir waren beide nicht vorbereitet!
Jetzt noch nicht, haben wir doch beide gedacht.

Ich konnte der „Versuchung“ nicht widerstehen, es war zu wunderbar…
Ich hoffe sehr, dass du mir trotzdem glaubst, wenn ich dir sage,
dass ich dich unendlich liebe?

U: Möchtest du ihr noch etwas sagen?

W: Hm, hm (nickt).
Es ist ernst, wenn man nicht mehr weiß, wohin man gehört, Sabine.
Das ist keine Kleinigkeit.

Du versuch, das zu finden, das, was nur DEINS ist!
Das, was mit niemandem gehen kann, weil es immer bei dir ist.

Du hast Angst, Menschen zu enttäuschen, ich weiß.
Aber vielleicht denkst du auch mal daran, dass es schlimmer ist,
sich selbst zu enttäuschen!
Die verpassten Möglichkeiten, die ärgern hier am meisten.
Wenigstens versuchen, sein Glück zu erleben!

U: Soll Sabine etwas ausrichten?

W: Ne, ich glaube nicht, dass das Sinn hat…

U: Deine Tochter möchte dir noch etwas sagen:
Mama, meine liebste Mommy 😉
Ich habe und werde dich immer lieben über alle Ebenen.
Und möchte dir nur sagen:
Dass mir nichts Besseres hätte passieren können, als deine Tochter zu sein.

Wir gegen den Rest der Welt.

Ich hoffe, dass ich dich eines Tages bewusster spüren kann als jetzt.
Wenn meine Zeit abgelaufen ist, werden wir uns sehen.
Und ich werde dich nicht mehr loslassen,
auch wenn ich dich auf dieser Welt nicht halten konnte.

Ich liebe dich.
Sabine

W: Ach… hach… Sabine, du: Ich liebe dich doch auch.
Nein, du konntest mich nicht halten in der Welt.
Ich konnte mich selbst nicht mehr halten.

Sabine, heute weiß ich, dass ich versucht habe, alles richtig zu machen.
Aber es geht nicht!
Das kann keiner.

Ich hab dich mindestens so gebraucht wie du mich!
Und das war eigentlich zu viel für ein Kind,
auch wenn du schon längst erwachsen warst.
Aber ich kann jetzt nicht gehen, ohne dir Danke, Danke, Danke zu sagen…

Ohne dich?
Ich weiß, was aus mir geworden wäre…

Geh jetzt, es ist schon spät…
Sabine, pass auf dich auf, ja?
Und melde dich mal, wenn du Zeit hast.
Deine Mommy!

Mit diesen Worten verabschiedet sich Wanda auch von mir,
ich kehre in mein Alltagsbewusstsein zurück.