Das wollen sie nicht wahrhaben, es wäre das Ende der Macht!

Verstorbenenkontakt

Die den Menschen Angst machen,
wollen es nicht wahrhaben!

Wir funktionieren alle über Angst,
solange wir leben!

Ich bitte meinen Guide, mich mit Anton zu verbinden.
Seine Freundin Lisa bittet um diesen Kontakt.

Anton ist sehr schnell präsent.
Er trägt ein helles Leinenhemd und eine Hose mit vielen Taschen in Khaki,
an den Füssen Sandalen.
In der Hand hält er so eine Klappe wie beim Film.
Er lässt sie zuschnappen und sagt:

„Letzte Aufnahme: uuuuuuund jetzt!“

U: Letzte Aufnahme?

A: Schon, oder? Die Chance kriegst nicht immer wieder…
„Reden sie aus dem Grab!
Bitte reden sie JETZT!
Ton an, Kamera läuft!“

U: Hm… so wird’s nicht sein mit uns beiden!

A: Wie, das ist keine Doku hier?
Er schlägt sich mit den Händen auf die Oberschenkel:
Was meinst, wie wär`s jetzt mit einer waschechten Jausen?

Er hat das Umfeld geändert:
Wir sitzen in einem sehr hellen Raum.
Mir ist, als würde die Morgensonne hereinstrahlen.
Ich nehme nur weiß und schwarz als Interieur wahr,
Anton selbst aber farbig, auch das, was er mir jetzt hinstellt:
Honig, Speck auf einem Brett, Käse auf einem Brett, einen Orangensaft.

Er selbst macht keinerlei Anstalten, sich daran zu beteiligen.
Er sitzt sogar etwas vom Tisch abgerückt da,
die Hände auf den Knien leicht nach vorn gebeugt…

„Ja iss!“

U: Du willst mich beobachten, wie ich esse?

A: Ich beobachte gern! Du kannst hier so wenig essen wie ich, stimmt`s?

U: Stimmt.

A: Ah, interessant, ich frag mich, wie du funktionierst. 
(Er steht jetzt und hält sein Kinn in der Hand, mich scharf beobachtend).

U: Vielleicht erfährst du, wie ich funktioniere, wenn du mit mir arbeitest? Erklären kann ich´s dir jetzt nicht…

A: Kannst du das überhaupt erklären?

U: Ich denke schon…

A. (lächelnd): Du DENKST…
(Pause, mich weiter fixierend. Seufzt…)
Gut! Lassen wir das jetzt.
Es gibt viele wie dich, weißt du das?

U: Ja…

A: Das wollen sie nicht wahrhaben, es wäre das Ende der Macht!

U: Wer will es nicht wahr haben?

A: Die den Menschen Angst machen!
Wir funktionieren alle über Angst, solange wir leben…

U. Hattest du auch Angst?

A: Nein!

U: Nein?

A. (lachend): Doch, natürlich!
Angst, zu versagen, Angst, es nicht mehr zu bringen,
Angst, enttarnt zu werden…

U: Was wäre denn enttarnt worden?

A: Die Tatsache meiner Niedrigkeit?
(Das sagt er lächelnd, aber seine Augen sind reine Provokation.)

U: Das versuchen wir doch alle: zu verbergen…

A: Ja! Die Frage ist: Vor wem?
Vor den Menschen, vor uns selbst, vor dem, was Gott genannt wird?

U: Wie war es bei dir?

A: Gute Frage!
Ich würde sagen, zu achtzig Prozent vor mir selbst.
Der Rest teilt sich auf: Im Wesentlichen vor mir selbst, ja!
Wobei ich es nicht Gott genannt hätte.

Übrigens: Interessanterweise war der mir immer präsent,
nur dass ich nie gesagt hätte: Das ist ER.
Dir fallen hier die ganzen großen Scheinheiligkeiten weg…

U: Und wie ist das für dich?

H. (lachend): NACKT! Ich hab mich so nackert gefühlt!
Bis ich gemerkt hab: Schön ist es …
FREI! Ich wollt immer frei sein!
Aber zuerst musst du ganz nackt werden, dann kannst du frei sein…

Deshalb funktioniert´s zu Lebzeiten auch nicht.
Wir versuchen uns – so gut es geht – vorm Nackt sein zu verbergen, ja…

(Er lächelt und dreht irgendwas in den Händen, auf die er schaut.
Um das Handgelenk trägt er ein Band, ich denke, es ist aus Leder.)

„Das ist kein Leder“, meint er…

A: Du, unterbrich mich nicht dauernd!
Ich bitte dich, wie soll sich denn ein Mensch da konzentrieren können?

U: Entschuldige.
Du hast über die Angst, ganz nackt zu sein, gesprochen.
Ich nehme an, du meinst die Seele.

A: Ja. Es gab nicht viele, die meine Seele nackt erlebt haben.

U: Aber Lisa?

A: Ja, ich wär sonst gar nicht da, ich bin noch schamhaft (lächelt).
Na, das glaubst nicht, oder?

U: Nein, ich finde dich sehr mutig, dass du über diese Angst sprichst…

A: Ja, warum nicht?
Die ist meine Todesursache!

U: Das versteh ich nicht!

A: Ich hatte den Punkt erreicht,
wo ich mich nicht mehr vor mir selbst verbergen konnte!
Ich stand mir selbst splitternackt gegenüber und was ich zu sehen hatte,
das war eben nicht die Gallions-Figur der Wortgewaltigen.

Ich war klein, ängstlich darüber, wie lang die Kraft reicht.
Wie lang das da (tippt sich auf den Kopf) und das da (weist nach unten)
noch funktionieren würden.

Ich war es so müde geworden,
dem ganzen Anerkennungswahn hinterher zu rennen!
Aber ich konnte nicht zurück fliehen…

U: Fliehen wohin?

A: In die Einfachheit, in die Wahrheit.
Ich brauchte immer mehr „Kleidung“ und einen immer trüberen Blick,
um die Wahrheit nicht zu sehen.

Ich hatte diese geheuchelte Betroffenheit satt,
diese selbstgefällige Unbeweglichkeit, dieses ewige so tun,
als ob man in Brokat gekleidet sei…

U: Das alles hast du bei dir nicht mehr ausgehalten?

H. Bei mir?! (Erstaunt.)
Ja, du hast vermutlich recht.
Bei mir hab ich´s auch nicht mehr ausgehalten…

U: So ein Nackt sein ist ja eine Art Armut.
Wo meintest du denn, dass du arm bist?

A: An Vertrauen: Ich konnt nicht genug vertrauen, um zu sein,
wer ich bin, wenn ich geliebt wurde.

Ich?
Wer wusste, wer ich war?

Ich wusste es doch selbst nicht mehr!
Eigentlich gab es nur ein „Bild“!
Kein Selbst mehr, dabei hab ich es wirklich gesucht!

Als ich es hätte finden können, war ich zu erschreckt:
Es war nicht so groß, wie ich dachte, es war ganz klein!

U: Und jetzt?

A: Ich hab Frieden damit gemacht.
Letztlich sind wir alle klein.
Mein Widerwille, länger zu leben, war der letzte Rest Eitelkeit…

Ich musste sie aufgeben, als ich hierher kam.
Das stellte sich erstaunlicherweise als Bereicherung heraus.

U: Du kommunizierst sehr ungewöhnlich!

A: Und das, obwohl du ein gewöhnliches Hirn hast!
Lass dir von niemandem weismachen, dass du gewöhnlich bist,
dann versteckst du dich auch.

Viele Frauen tun das auf der ganzen Welt.

U: Welche „Nacktheit“ versuchen wir da zu verstecken?

A: Dass ihr zu klein sein könntet, um für euch zu kämpfen!

U. Hm, ja, wahrscheinlich hast du Recht.
Hast du immer so viel philosophiert?

A: Ich konnte auch tagelang schweigen…
Hör zu: Ich war ein bisschen verdreht, nicht ganz richtig…
Wer ganz richtig ist, schafft nicht, was ich geschafft habe!
Ich konnte arbeiten wie ein Stier!
Und dann wieder NICHTS…

Ich hab Phasen gehabt, da brauchte ich kaum Schlaf und dann wieder…
Alles der Versuch, nicht nackt zu sein…

U: Ich versteh immer noch nicht, wieso das der Grund für deinen Tod war?

A: Oberflächlich betrachtet könnte man sagen:
Weil ich meine Gesundheit mit den Versuchen ruiniert habe,
die Leistungszeiten zu steigern und die Null–Zeiten zu überbrücken.

Aber das geht tiefer: Ich wollte nur sechzig werden.
Ich wollte nicht ins Alter gehen VOR meiner Geburt.
Alter wäre Schwäche gewesen, das wollte ich nicht!

U: Jetzt verstehe ich.

A: Nein, tust du nicht.
Das ist auch egal, sie soll es verstehen!

U: Lisa?

A: Ja, sag ihr, sie war so nah dran, 
(zeigt eine entsprechende Handbewegung)
aber weiter KONNTE ich sie nicht lassen.
Ich hätt nicht gewusst, wie ich damit hätte fertig werden sollen,
dass mich einer so liebt, wie ich bin: nackt, arm, klein…

Ich hätt nicht gewollt, dass sie merkt, WIE bedürftig ich bin…
Die Eitelkeit, verstehst du?
Die Eitelkeit, die die Angst zudecken soll…

Es war keiner so nah dran. Niemand!
Das hat mir Angst gemacht.
Ich hätte sie so gerne so geliebt wie sie mich.
Ich hab gemerkt: Eigentlich versuche ich mich nur,
in ihren Augen zu spiegeln, das ist doch Missbrauch.
Ich hab mich selbst gehasst dafür…

Heute weiß ich, es wäre leicht gewesen!
Ich hätte nur ihre Hand greifen müssen.
Sie war so mutig, mich zu lieben!
Den Mut konnte ich nicht teilen…

Sag ihr nicht, es tut mir leid, das wäre zu banal.
Sag ihr, es brennt in mir! Ich hab die Chance verpasst.
Sag ihr, sie ist WIRKLICH etwas ganz Besonderes!

Und das zu wissen, ohne etwas wieder gutmachen zu können, tut mir weh.
Aber selbst das ist gut.
Es ist gut, dass es mir so weh tut, sonst würd es so weitergehen.
Immer so weiter. Und das will ich nicht!

Vor Anton war ich völlig introvertiert!
Mich interessierte nur der Geist, das Wort, die Analyse.
Da bin ich noch früher gestorben…

U: Erinnerst du dich, wer du da warst?

A: Franz, ein Schriftsteller.
Ich bin weiter gekommen.
Der Schmerz hat mir geholfen.

U: Welcher Schmerz?

A: Dass ich das Ersehnte erreicht hätte,
wenn ich nicht so eitel gewesen wäre…

U: Was wäre das Ersehnte gewesen?

A: Verschmelzung, ich dachte wir haben es.
Aber man muss seine Eitelkeiten völlig aufgeben,
um wirklich zu verschmelzen.

U: Du wolltest mit ihrer Seele verschmelzen? 
Verstehe ich das richtig?

A: Meine Seele ja, mein Geist hatte Angst.
So was wirkt sich auf die Seele aus, wenn sie ohnehin unsicher ist.
Aber ich bin mir jetzt sicher.
Ideale Voraussetzung, um es neu zu beginnen…

U: Ja, ich wünsch es dir von Herzen.
Anton, ich müsste jetzt deine Persönlichkeit beschreiben.
So, wie ich sie wahrnehme, darf ich das tun?

A: Du musst? Wer zwingt dich?

U: Meine Aufgabe ist es,
den Hinterbliebenen Beweise der Weiter-Existenz nach dem Tod zu liefern.

A: Angst oder Eitelkeit?

U: Vielleicht beides, vielleicht auch Verantwortung für den Auftrag,
den ich angenommen habe…

A: Du kannst gar nichts beweisen, wenn ich nicht mitmache!

U: Das ist wahr.

A: Fang an, ich hör dir zu!

Er sitzt jetzt in einem Schwing-Sessel.
Die Beine weit von sich gestreckt, die Füße übereinander geschlagen,
den Kopf gesenkt, zwischen den Fingern ein Stanniolpapier,
das er dreht und faltet …

Es ist nicht einfach, Anton nah zu kommen.
Ich hab manchmal das Gefühl, dass man in seiner Nähe „verbrennt“:
Er ist intensiv, er ist intellektuell herausfordernd, aber dennoch „weit weg“.
Da ist was Unerreichbares und ich bin ganz sicher:
Ich erreiche auch wirklich nur das, was er zulässt.
Wie eigenartig mutet es dann an,
dass er von der Sehnsucht nach Verschmelzung spricht…

Anton hat hier die Kontrolle, er kontrolliert alles, den Ablauf und den Inhalt.
Er antwortet mit Gegenfragen, völlig ungeniert, treibt mich in die „Enge“,
um sich nicht selbst dahin treiben zu lassen…

Freiheit von Verwicklungen?
So scheint es zu sein, eine Abwehr von wahrer Nähe.
Ein Miteinander auf gleicher Augenhöhe?
Ich erreiche das nicht mit ihm.

Er ist wirklich ungewöhnlich.
(Einwurf Anton: Ich habe nie gesagt, dass ich gewöhnlich bin.)

Er ist phasenweise so in sich gekehrt, dass ich mich sehr anstrengen muss,
am Ball zu bleiben.
Dann hab ich das Gefühl,
ihm wie ein Hündchen hinterherhecheln zu müssen.

Das spricht eigentlich für ein starkes Selbstbewusstsein.
Aber das thematisiert er nicht, im Gegenteil!
Zu solch einem Blick aus der Metaperspektive ist er sicher nicht erst fähig, seitdem er im Jenseits ist.
Ich habe vielmehr den Eindruck, dass es genau diese Metaperspektive war,
mit der er die Welt und ihr Getriebe durchschaut hat.
Irgendwie ein Punkt außerhalb von allem.

Und dann doch so viel Leidenschaft, wie geht das nur zusammen?
Er ist GANZ bei der Sache, will mich nicht auslassen,
fordert ganzes Engagement, alles oder nichts, Halbheiten sind nicht erlaubt.

Er ist manchmal sehr streng zu mir: „Konzentriere dich!“
Dann wieder charmant, heiter.
Und vieles, was er sagt, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Ich hab den Eindruck, dass er oft in Zuständen innerer Zerrissenheit war,
dass da ein uralter Groll in ihm lag.
Und dass dieser Groll gegen alles und jedes gerichtet war,
was Grenzen setzt, Schranken macht…

Frei sein, frei sein!
Ich denke schon, dass ihm das gelungen ist.
Einfach, weil er es nicht zulässt, ganz nah zu sein.

Äußerlich – denke ich – war er ein so guter Analytiker der Menschen,
dass er sehr genau wusste, was er wem zumuten konnte.
Einer, der bis ganz tief begreift, wen oder was er vor sich hat,
und sich entsprechend zu benehmen wusste.

Doch so außergewöhnlich all diese Gaben sind:
Ich erlebe sein Ich als „einsam“,
das ist vielleicht der Preis für all diese Gaben.

Ich versuche etwas aus seiner Kindheit zu erreichen,
aber ich hab auch hier das Gefühl des Unangebunden seins:
diffus, unerklärlich die Beziehungen zueinander.

Die Mutter scheint wichtig, ist aber nicht emotional greifbar.
Der Vater wie ein Schatten, der sich hin und wieder über die Welt legt,
aber nicht wirklich präsent ist.

Ich sehe Fußball spielende Knaben und ein großes Haus in der Nähe,
ähnlich wie ein Internat.
Ich sehe nur zu, fühle mich unbeteiligt…

Weiter suche ich nach BINDUNG.
Ich finde nur ein altes Foto:
Ein Mädchen mit blonden Zöpfen und mein Gefühl dazu ist Sehnsucht,
aber auch das Bewusstsein,
dass dieses Gefühl eine Überforderung darstellt.

(Gerade wird mir bewusst, dass ich automatisch in die Beschreibung von Bildern geraten bin, wieder hat Anton den Ablauf gelenkt, nicht ich.
Es bleibt mir gar nichts anders übrig, als zu folgen.)

Ein recht karges Zimmer bekomme ich gezeigt
und er ist vielleicht 15 Jahre alt.
Er liegt auf dem Bauch und liest in einem alten Buch:
Kafka „Das Labyrinth“.

Das scheint er freiwillig zu lesen und das, obwohl er noch so jung ist!

Ich sehe vor dem Fenster einen alten Baum.
Mein Eindruck ist, dass der von anderen jungen Leuten
als „Ausweg“ in die Freiheit oft genutzt wird…

Antons Freiheit scheint in dem Buch zu liegen…

Jetzt gibt es einen weiten Schub in Richtung Erwachsenenalter.
Eine Stadt sehe ich in der Nacht, aber es sind so viele Lichter dort.
Erst denke ich, es ist irgendwo in Amerika.
Dann aber denke ich, das könnte doch auch hier sein.
Irgendwie fasziniert diese Nacht:
Das Dunkle, das Abgründige, lieber als der Tag die Nacht?
Ich verstehe diese Botschaft nicht.

Nächstes Bild: Nichts weiter als ein riesiges, kaltes Buffet.
Das Gefühl suchender Langeweile, er sucht anscheinend eine Frau,
wartet, hasst das Warten, genießt das Warten, sehr bizarr…

Ich hab den Eindruck, „Frauengeschichten“ gab´s irgendwie immer,
ein „Dauerkampf“ innerlich zwischen „komm her und geh weg“!
Zwischen anziehen und abweisen.
Wie als Bestätigung dazu sehe ich ein Paar, das Tango tanzt.

Spannend, aufregend, Hingabe und Krieg gleichzeitig.
Ich frage mich, wer solche Gefühle aushält, ohne verrückt zu werden.
Mein Eindruck ist, dass er immer auf der Suche war,
wem er sich nähern KANN!

Jetzt gibt es einen Schnitt:
Ich sehe eine alpine Schneelandschaft
und eine ziemlich abseits gelegene Hütte, nichts sonst.
Keine Fußspuren im Schnee.
Als hätte der Bewohner der Hütte diese
schon tagelang nicht mehr verlassen.

Als letztes Bild bekomme ich eine antike Zeichnung
aus dem Kamasutra gezeigt, ohne irgendetwas dazu, außer dem Wort: Eitelkeiten, alles Eitelkeiten…

U: Danke, Anton, ich hoffe, dass Lisa daraus etwas für sich ziehen kann…

A: Ich hoffe, sie schafft es noch, mich ein bisschen lieb zu haben.
Jetzt, wo ich so nackt vor ihr stehe…
(Lächelt.)

U. Ich würde dir jetzt gern die Fragen von Lisa stellen…

A: Ja, ja, ich weiß…

U: Sie fragt, ob du dich im Jenseits zurechtgefunden hast?

A: Ich war am Anfang nicht bereit, zu gehen.
Es schien mir absurd, dass ich nicht mehr lebe.
Aber dann hab ich mich an (Bardu? Ich verstehe nicht genau) erinnert:
Das Gehen durch die Tore, ich dachte, ich versuch es…

U: Bist du jetzt glücklich?

A: Ich bin frei.
Soll ich sagen, dass ich wie berauscht durch himmlische Sphären gleite?
Das tue ich NICHT!
Es gibt solche, die es tun, aber ich will nicht, jetzt will ich klar werden…

Ich brauche Mut dazu…
Es gibt nur einen Weg, ganz wahr zu werden.
Das schmerzt auch, aber es befreit am Ende.
Ich habe mir mein ganzes Spiegelkabinett angeguckt.

Weißt du, dass du der einzige wahre Spiegel gewesen bist?
Der Einzige, der mir gezeigt hat, was MIR fehlt?

U. Lisa fragt, wie du unsere Beziehung jetzt siehst.

A: Ich war nicht mutig genug, mein Verlangen umzusetzen.
Ich dachte, was wir an Mystik erleben, wenn wir verschmelzen,
das ist schon genug.
Ich wusste nicht, dass es auch das Alltägliche gebraucht hätte.
Du warst mir näher als irgendwer.
Hm, ich wollte dich nicht verbrennen, niemals wollte ich das.

Aber in mir wirkten Ängste, von denen ich nichts ahnte…
Es tut mir leid, es tut mir aufrichtig leid!
So viel Zeit mit Abwehr vergeudet!

Ich dachte, wenn eine stark genug ist, mich zu ertragen, dann du!
Das hast du auch.
Nur ich hab nicht gemerkt, dass deine Größe nicht war, meine zu ertragen.
Sondern dass du meine Angst ertragen hast,
die sich hinter dem ganzen Maskenspiel verborgen hat.

Ich müsste jetzt sagen:
Es wird wieder einen geben, der dich so liebt und den du so liebst.
Es wäre ethisch sicher angebracht.
Ich bin noch zu eitel, um das zu sagen, aber ich wünsche dir,
dass du aus deiner Einsamkeit heraus findest.

Allah ist groß!
Glaub mir, keiner auf der Welt hat eine Ahnung, wie groß …

Ich versuch, zu verstehen, das, was ER ist, in mir.
Ich versuch, das zu finden, meinst du, ich habe genug getan?
Ich will Befreiung von Ängsten, für mich, für euch!
Meinst, das ist ER?

Ich würd so gern mit dir darüber reden.
Ich würd so gern mit dir über den Friedhof gehen,
mich ganz lebendig fühlen zwischen tausend Gräbern.

Ich würd so gern mit dir im Blumenfeld liegend die Wolken zählen.
Am Ende aber muss ich sagen:
Das, was heute Sehnsucht ist, wird morgen wahr sein.
Aus Geist wird Materie und ich hoffe, dass wir das schaffen…

U: Sie fragt:
Gibt es etwas, das sie noch hier unten für dich tun kann?

A: Ja, sprich mit mir!
Ich habe so viel zu sagen, jetzt, wo ich nackt geworden bin!

U: Lisa fragt, ob sie dabei sein soll,
wenn deine Urne nach Holland überführt wird?

A: Ich brauche das nicht mehr!
Ich brauche keine Beweise meiner besonderen Art mehr.
Ich bin nicht dabei, warum willst du dabei sein?

Weißt du, was in der Bibel steht?
Lass die Toten ihre Toten begraben.

Ich bin nicht tot genug, du bist nicht tot genug für so was!

Leben: Wir haben nicht den Tod!
Wir haben das Leben!

Wir können immer noch eine „Beziehung“ haben.
Wir können uns immer noch gegenseitig befruchten, wie in Trance sein. Besoffen von einer Liebe, die nicht irdisch ist.

Ich bin kein Mann mehr, ist das nicht großartig?
Das spart so viele Ängste!

Freund bin ich deiner Seele, Bruder, Mond und Sonne.
Ach, ich lebe, und es ist keine Angst mehr in mir!
Ich würde dir so gerne von meinem Wissen abgeben,
von meinem neuen Mut.
Ich würde dich so gerne tragen, ja, das würde ich gern tun.

Vielleicht, vielleicht…

U: Lisa fragt, ob ihr euch wiederfinden werdet?

A: Ganz sicher!
Wir sind ja gar nicht getrennt!
Du hast meine Seele gerettet.

Ich danke dir so sehr dafür.

U: Danke, Anton.
Ich hoffe, dass ihr eure Art des Miteinander
über Zeit und Raum hinweg finden könnt.
Sie scheint dir sehr wichtig zu sein…

A: Ja!

An dieser Stelle ist es Zeit, mich von Anton zurückzuziehen.
Er nimmt eine Jacke, hängt sie sich über die Schultern.

Zurück auf dem Stuhl bleibt ein Buch, wieder sehe ich nur den Autor:
Kafka.