Die Jenseitsebenen: Beltseele im Haus.

Elia: Eine erstarrte Beltseele ist im Grunde
wie jemand in Tieftrance.
Was machst du, wenn Uta in Tieftrance ist?

Hajo: Wenn ich sie aufwecken will,
dann halte ich ihre Hand und spreche sie an.

Elia: Bei Uta ist das einfach.
Bei einer Beltseele, die in sich erstarrt ist, ist es schwerer.

Elia. Wir beginnen jetzt.

Hajo. Ja.

E. Lieber Hajo, dies wird für dich eine sehr spezielle Erfahrung,
denn mit erstarrten Beltseelen hattest du bisher noch nicht zu tun.

H. Nein, die waren alle sehr lebendig.

E. Ja. Ich möchte dir deshalb eine kleine Einweisung geben.
Eine erstarrte Beltseele ist im Grunde wie jemand in Tieftrance.

H. Hm.

E. Was machst du, wenn Uta in Tieftrance ist?

H. Wenn ich sie aufwecken will,
dann halte ich ihre Hand und spreche sie an.

E. Ja. Du ziehst ihren Focus über die Berührung
und über das Hören zu dir hin.
Denn es ist ihr Focus, der nicht aufs Irdische gerichtet ist
und den musst du, um sie zurückzuführen,
wieder ins Irdische ziehen durch Berührung und Aufmerksamkeit.

Bei Uta ist das einfach.
Bei einer Beltseele, die in sich erstarrt ist, ist es schwerer.

Und deshalb bitte ich dich, folgendermaßen vorzugehen:
Sprich beide an, aber bitte nacheinander.
Es wird nicht gelingen, sie zusammen weg zu bekommen.

Sondern ich möchte, dass du zuerst die Frau rüber bringst.
Sie heißt Else, auch Elschen.
Das musst du ausprobieren, worauf sie reagiert.
Lass dir von Uta genauestens die Reaktionen beschreiben.

H. Ja.

E. Ihren Focus auf dich zu lenken ist erst in dem Moment gelungen,
in dem Uta dir sagt: „Sie blickt jetzt zu dir.“

H. Ja.

E. Ja? Das ist entscheidend.
Und dann erst, erst dann kannst du ihr sagen:
„Elschen, komm, jetzt wird alles gut.“ Das ist wichtig!
„Jetzt wird alles gut.“

Und erst dann, wenn Uta sagt: „Sie scheint dir zuzuhören.“

Du musst das vielleicht viele, viele Male sagen, bis Uta sagt:
„Sie scheint dir jetzt zuzuhören.“
Erst dann kannst du ihr sagen:
„Elschen, bitte schau dich um, ist hier irgendwo Licht?“

Lass dich bitte nicht davon irritieren, dass es vielleicht ein Prozess ist,
der sehr lange dauert oder in dem die beiden Seelen
immer wieder zurückkippen in ihren Trancezustand.
Das ist normal.
Bleib einfach hartnäckig.
Das sollte dir ja möglich sein.

H. Ja.

E. Das Gleiche gilt für Otto.
Auch für Otto ist es wichtig, dass du ihm klar machst: „Du bist jetzt frei.“ Ja?

Es wird vielleicht nötig sein, dass beide sich erklären möchten.
In dem Fall möchte ich dir folgenden Vorschlag machen:
Stell dich bitte als Pastor vor.
Sag einfach, du bist ein Geistlicher.

Beide waren sehr fromm
und dennoch hat ihr Leben in einer Tragik geendet.
Sie waren in einer Art Hassliebe miteinander verbunden.
Und es ist letztlich so gewesen, dass erst Else Otto sehr provoziert hat
und dann Otto erst Else und dann sich hingerichtet hat.

Das ist schlimm.
Und sie werten das auch als schlimm.
Es ist ein Gemisch aus Wut aufeinander und aus Selbstverachtung.

Bei beiden aber hast du die Chance, sie dadurch zu beruhigen,
dass du ihnen die unendliche Gnade Gottes durch Christi Tod klar machst. Das wissen sie.
Sie sind darauf sozusagen fixiert:
Gott ist gnädig und Christus ist für alle Sünder gestorben.
Damit kannst du ihnen helfen, in den Frieden zu kommen.

Gut. Dann lass uns bitte beginnen.
Sollte es zwischendurch Schwierigkeiten haben,
dann lass dich nicht hindern, eine Pause einzulegen. Ja?

H. Ja.

E. Gut. Ich ziehe mich zurück.

H. Uta.

Uta. Ich bin jetzt hier am Eingang, hier in dem kleinen Flur.

H. Also, die beiden heißen Else und Otto.

U. Okay.

H. Und ich soll zuerst die Else ansprechen, auch Elschen genannt.
Und du sollst bitte auf ihre Reaktionen achten, wenn ich sie anspreche,
weil sie ja erstarrt sind.

U. Ja, ich weiß Bescheid.
Ich kenne das. Lass mich mal gucken.

H. Ja.

U. Da ist Otto. Der sitzt hier in einem Sessel.
Ich suche die Else. Else soll zuerst.

H. Ja.

U. Die ist hier nicht.
Die ist im Bad.
Oh je, die sitzt neben der Toilette
und sie hat offensichtlich einen Kopfschuss.
Oben ist die halbe Schädeldecke weg.
Sie ist ganz blass.

Sie ist eine sehr schmale Frau.
Sie hat ein Kleid an, ich würde sagen, das ist aus den zwanziger Jahren.
Sie starrt nur vor sich hin.

H. Ja. Ich muss sie jetzt ansprechen und probieren, worauf sie reagiert.

U. Hm.

H. Else! Elschen! Elschen! Elschen, komm!

U. Sie starrt nur.

H. Elschen!

U. Ah, sie fängt an, sie bewegt sich und pfriemelt so an ihrem Kleid rum.

H. Ja. Elschen!

U. Sie guckt in die falsche Richtung.

H. Elschen! Hier bin ich!
Hallo! Elschen!

U. Sie steht auf.

H. Ja. Elschen!?

U. Sie sieht sich um.

H. Ja.

U. Sie hat furchtbare Angst.

H. Elschen!
Brauchst keine Angst zu haben.

U. Sie drückt sich an die Wand,
so eine schmale Ecke zwischen der Toilette.
Und ich weiß nicht, ob das eine Wanne ist.
Und sie drückt sich so ganz vor dieses kleine Fenster
und hat die Arme um sich geschlungen und schaut überhaupt nicht.
Sie schaut gegen die Wand.

H. Elschen, komm her, jetzt wird alles gut.

U. Sie hört dich.
Jetzt hört sie.

H. Elschen, komm, jetzt wird alles gut.

U. Sie will was fragen.

H. Ja?

U. Ich glaube, sie verwechselt dich.
„Wo bist du, Schwein“, sagt sie.

H. Nein, nein.
Ich bin ein Geistlicher, Elschen.

U. Sie hat ein kleines goldenes Kreuz.

H. Oh, schön.
Elschen, schön.

U. Sie sagt, sie hat Kopfweh.

H. Ja, ist klar.
Aber komm, Elschen, jetzt wird alles gut.

U. Warum sie so Kopfweh hat?

H. Du musst mal gucken, wo das Licht ist.
Du brauchst das Licht, damit das Kopfweh weg geht.

U. Die wird fuchsig.
Sie sagt, sie weiß alles.
Sie weiß genau, das ist (sie schimpft.) „Otto, das Schwein“, sagt sie.

H. Nein, Elschen. Komm, jetzt wird alles gut.
Es wird alles gut.

U. Die ist so wütend, Hajo.
Die ist so wütend.
Vielleicht versuchst du, ihr mal zuzuhören.

H. Ja, gern.

U. Geh doch mal wie ein Geistlicher vor.

H. Ja. Elschen, was ist denn passiert mit deinem Kopf?

U. Sie zeigt das.
Auf der linken Seite, Hajo, ist ein Stück weg.
Und sie zeigt die Finger. Sie ist sehr traurig und sagt:
„Otto das Schwein, war das.“

H. Ja. Das wissen wir schon, Elschen.

U. Das hätte sie nie gedacht.
Dieses Schwein, aber das hätte sie doch wissen müssen.
Der war zu allem fähig.

H. Hm.

U. Jetzt erzählt sie, der hat auch mal…
Sie hatte einen Hund gehabt.
Sie zeigt den, einen Schäferhund.
Den hat er vor ihren Augen abgeknallt.
So ein Schwein war das.

H. Ja.

U. Aber sie hat ihm was gegeben, ein…
Die hat ihm in den Kaffee Rattengift getan.
Immer kleine Mengen.

H. Ah ja.

U. Das findet sie jetzt gar nicht schlimm.
Sie wollte ihn ja gar nicht umbringen.

H. Nein, du wolltest ihn nur ein bisschen ärgern, hm?

U. Nein, der sollte einfach nur krank sein,
damit er nicht mehr aus dem Bett kommt.

H. Ah so, ja, ja.

U. Aber der hat es gesehen.

H. Und dann wurde er wütend und hat auf dich geschossen, hm?

U. Ja, da oben, da!

H. Und dann ist dein Kopf kaputt gegangen.
Ja, das macht Kopfschmerzen.

U. Sie sagt,
sie ist ja jetzt sowieso in der Hölle.

H. Nein, du bist nicht in der Hölle.

U. Doch.

H. Nein.

U. Aber das war ihr egal.
Aber dass der auch hier ist, das ist das Schlimmste.
Das ist die Strafe Gottes.

H. Du hast die unendliche Gnade Gottes durch Christus Tod erworben.
Das trifft dich nicht, Elschen.

U. Jetzt gibt sie mir ein Bild.
Das sei eine katholische Messe.
Und da werden die Oblaten gegeben.
Sie sagt, sie ist Sonntag da gewesen.
Sie hat das gekriegt.
Ob sie da nochmal hin muss, damit sie eine Oblate kriegt.

H. Das brauchst du nicht mehr.

U. Es ist auch schwierig, sagt sie.

H. Ja, ja.

U. Sie hätte es schon mal versucht.

H. Ja.

U. Aber es hat sie keiner gesehen.
Es ist aber Jahre her.

H. Das brauchst du jetzt nicht mehr, Elschen.
Es wird alles gut.

U. Das funktioniert auch so?

H. Das funktioniert auch so.
Das kannst du direkt bekommen.

U. Du hast das ja gelernt.

H. Ja. Siehst du denn irgendwo ein Licht?

U. Das wäre ja auch eigentlich ungerecht, weil:
Er hat ihr so viel angetan.

H. Ja, genau.

U. Und sie war eigentlich immer ein guter Mensch.

H. Natürlich bist du ein guter Mensch.

U. Bis auf… na ja, das hat sie eigentlich nicht gewollt.
Ob das jetzt …

Ist das jetzt eine Beichte gewesen?

H. Natürlich.
Das behalte ich auch für mich.

U. Muss sie was büßen?

H. Nein. Du musst nichts büßen.
Du musst jetzt nur ins Licht gehen, Elschen.

U. Eigentlich hat sie ja schon gebüßt, sagt sie.

H. Ja, genau.

U. Weil: Sie war ja jetzt immer mit dem, immer so…

H. Ja.

U. Jetzt kann sie gehen?

H. Jetzt kann sie gehen.

U. Wohin sie will?

H. Nein, ins Licht.
Siehst du Licht? Du musst gehen, da wo Licht ist.

U. Sie fragt jetzt nach Lampen.
Sie fragt, welche?

H. Nein, nein.
Ein helles, helles Licht.
Heller als Lampen. Guck dich mal um.

U. Es ist schwer für sie.
Die kommt kaum in die Gänge.

H. Hm. Da müssen wir Geduld haben.

U. Sie drückt sich im Bad herum.
Die will hier nicht raus.

H. Siehst du irgendwo Licht?

U. Nein, im Bad ist kein Licht.
Hier gibt es nur das kleine Badezimmerfenster.

H. Da kommt kein Licht durch?

U. Nein.

H. Die Decke?

U. Die Decke könnte hinkommen.
Aber Hajo, das ist kein richtiges Licht.

H. Aha.

U. Die muss hier raus.
Das ist das Problem. Und draußen sitzt Otto.

H. Hm. Ja, Elschen, was machen wir denn da mit dir?
Jetzt wird alles gut.
Jetzt kannst du wieder raus.
Ich bin ja bei dir.

U. Ach so, ja.
Dann tut er ihr jetzt nichts?

H. Nein.
Er tut mir jetzt nichts und dir auch nicht.
Es wird alles gut.

U. Sie hat sich ja schon genug mit ihm gestritten.

H. Ja. Es wird alles gut.
Wir gehen jetzt mal raus aus diesem Zimmer.

U. Sie will aber jetzt von dir was wissen.

H. Ja, gerne.

U. Wie ist das denn jetzt:
Kommt er jetzt in die Hölle?

H. Das weiß ich nicht.
Ich kümmere mich jetzt erst mal um dich.
Und du kommst jetzt in den Himmel.

U. Das steht fest?

H. Das steht fest.

U. Ja.
Da soll er doch zugucken.

H. Ja, da soll er zugucken.

U. Aber du passt auf…

H. Ich pass auf, ja.

U. Das ist `ne Sau.

H. Ja, ja.

U. Blöde Sau.

H. Hm.
Jetzt gehen wir beide mal hier raus.

U. Sie ist einverstanden, wenn du vorgehst.

H. Ja, ich geh vor.
Komm, es wird alles gut.

U. Die ist ganz wackelig.
Ich stütze sie.

H. Ja.

U. Das löst sich alles so auf.
Sie klappt immer wieder zusammen.
Alleine sich zu generieren zur Persönlichkeit,
das scheint ganz schwierig zu sein.

H. Elschen, komm.

U. Hajo, mit Ach und Krach über die Schwelle.

H. Ja.
Haben wir denn jetzt irgendwo ein Licht.

U. Da ist jetzt so eine Art Wohnzimmer oder Esszimmer.

H. Ja.

U. Da sitzt der Otto.
Der kriegt das nicht mit.
Das merkt sie aber auch, dass er das nicht mitkriegt.
Oh, Hajo, die will ihn jetzt ärgern.

H. Nein, Elschen!
Nein, nicht! Elschen!

U. Sie will ihn treten.

H. Elschen!
Wir haben jetzt Besseres zu tun!

U. Scheiße!

H. Ja, ja. Das geht jetzt nicht mehr.
Jetzt bist du erst mal dran. Jetzt gucken wir mal…

U. Jetzt ist oben Licht.

H. Ja. Elschen, jetzt guck bitte mal ins Licht.

U. Es blendet sie sehr.

H. Ja.

U. Es tut ihr sehr weh.

H. Ja.

U. Die weint jetzt.
Die quiekt richtig.

H. Elschen, was ist denn los?
Komm, es wird alles gut!

U. Es tut weh, das Licht.

H. Ja.

U. Es tut ganz weh.

H. Ja. Elschen, möchtest du denn, dass dich jemand abholt?

U. Ich scheiße auf alle!

H. Auf alle?

U. Auf alle!

H. Echt, auf Mama und Papa auch?

U. Nein Hajo, das wird nichts.
Ich glaube, dass sie ein ganz einsamer Mensch war.

H. Ja, was kann man denn für sie tun?
Was wünscht du dir denn, Elschen?

U. Hajo, der Hund.

H. Ah ja, der Hund.

U. Der Hund, jetzt ist er da.

H. Elschen, schau mal, dein Hund.

U. Wenn sie da noch mal reinguckt, das tut so weh, sagt sie.

H. Elschen, guck mal, dein Hund.
Dein Hund ist da.

U. Sie muss sich sehr zusammenreißen.

H. Elschen, dein Hund!
Komm, es wird alles gut!

U. Sie sieht ihn.
Ach Gottchen, er legt ein Stückchen hin, er wedelt.
Bruno hat sie den genannt.

H. Ja.

U. Das ist schwer für sie.

H. Folge einfach dem Bruno.

U. Hajo, das ist ganz, ganz hart.

H. Ja. Das hilft ja nichts.

U. Nein. Die schreit.

H. Elschen! Es wird alles gut.
Folg dem Bruno.

U. Weißt du was?
Die versucht, sich immer erwachsen zu machen.
Das schafft die nicht.
Gib ihr mal den Tipp, dass sie sich ganz klein machen soll.

H. Elschen, mach dich ganz klein.
Mach dich ganz klein, so wie als Kind.

U. Das schafft sie.
Das schafft sie.

H. Okay.

U. Jetzt schafft sie es! Jetzt!
Jetzt läuft sie zu Bruno! Jetzt ist gut, okay!
Jetzt hat sie auch den Typen hier vergessen. Ja, gut!

Okay, ich gehe jetzt noch mal ins Bad.

H. Ja.

U. Das ist frei.
Aber die Else hat hier wirklich Spuren hinterlassen.
Da muss die Hilde richtig ran und saubermachen.
Das ist nicht gut hier.

H. Hm.

U. So, dann gehe ich jetzt zurück in dieses Wohn-, Esszimmer,
was auch immer …

Jetzt ist der weg. Na super.
Er liegt im Bett. Hände verschränkt, er starrt an die Decke.

H. Soll ich ihn ansprechen?

U. Warte, ich will mir den erstmal angucken. Okay.
Ja, der hat sich selber wahrscheinlich die Waffe in den Mund gehalten.
Gut, dann sprich ihn mal an.

H. Otto! Otto!

U. Er dreht sich um.

H. Otto, ich möchte dir helfen.

U. Er zieht sich die Decke über den Kopf.

H. Ich bin ein Geistlicher, Otto.

U. Er reagiert nicht.
Mach weiter.

H. Otto, du hast die Chance, dass du die unendliche Gnade Gottes
durch Christus und seinen Tod bekommst.

U. Er hört dir nicht zu. Der hat die Decke bis hier oben rüber…

H. Otto!

U. Warte mal. Ich fass ihm an die Füße.
Okay, jetzt ist er wach.

H. Schön, dass du wach bist.

U. Wer ist das?!
Geh raus, du Sau!

H. Hallo Otto!
Ich bin ein Geistlicher.

U. Er hat eine Pistole in der Hand.

H. Ach Otto, lass das doch.

U. Ja, er steckt sie weg:
„Er bringt doch keinen Pfarrer um.“

H. Das hoffe ich doch auch.

U. Nein, Herr Pfarrer.
Das würde er nie tun.

H. Das ist gut.

U. Wie du ihn denn hier gefunden hast?
Er hat sich doch so gut versteckt.

H. Ja, es geht nicht anders.
Ich musste dich finden.

U. Er kann da wirklich nichts für.

H. Nein, da kannst du nichts für.

U. Das ist so passiert.

H. Ja, ja.

U. Dieses Luder!
Die hat ihn immer wieder zur Weißglut gebracht, das Luder.

H. Ja, genau.

U. Die hat ihn sogar beklaut.

H. Ja.

U. Er zeigt mir ein Portemonnaie. Das ist noch Reichsmark.
Das zählt er durch: „Es fehlen schon wieder zwanzig Mark. Dieses Luder.“

Ach… du, der war Zuhälter.

H. Hm.

U. Dieses Luder! So ein Luder!
Dieses verdammte Drecksweib!

H. Oh, oh, Otto!

U. Herr Pfarrer, er meint es ja nicht so,
aber er muss doch mal die Wahrheit sagen müssen.
„So ein Drecksluder hat er noch nie gehabt.
Das ist ein Luder, einen so zu hintergehen.“

H. Das ist hart, ja.

U. Das ist nicht christlich.

H. Nein, nein.

U. Das ist nicht in Ordnung, Herr Pfarrer.

H. Ja, aber du gehörst hier auch nicht hin.

U. Hier? Nee, nee, das ist auch nichts hier. Das ist hier gar nichts.
Da hat er dann lieber geschlafen.
Aber die ist ja auch hier.

H. Jetzt nicht mehr.

U. Wieso?

H. Die haben wir schon weggebracht.

U. Die ist weg?!

H. Die ist weg, ja.

U. Aber ich hoffe hinter Gitter.

H. Das ist jetzt ganz egal.
Du hast nämlich jetzt die Chance…

U. Das ist überhaupt nicht egal.
Die hat ihn umbringen wollen.

H. Ja, und du hast sie umgebracht!

U. Ach so, ja.

H. Das wollen wir jetzt doch mal feststellen.

U. Das war nur aus Versehen.

H. Ja, ja, aus Versehen, klar.

U. Ich wollte ihr nur drohen.
Ich wollte sie nicht umbringen.

H. Ja. Hm.
Und dann hast du dich selber umgebracht.

U. Ja, was sollte ich denn machen?

H. Ja.

U. Sollte ich warten, bis die Gestapo kommt?

H. Ja, ja.

U. Dann wäre doch alles aufgeflogen. Das hat so schön funktioniert.
Aber die, die hat ja überall… überall hat sie geklaut.

H. Über Elschen brauchen wir uns jetzt nicht mehr zu unterhalten.

U. Wie kann man so blöd sein?!
Wie kann man so doof sein, einen Sturmbandführer zu beklauen?!
Das hätte die sich doch denken müssen. Und ich steh dann da.

H. Hm.

U. Und dann das mit dem Kaffee.
Ich wundere mich, warum ich ewig Magenschmerzen habe
oder dass mir die Haare ausfallen.
Da sagt dieses Luder zu mir, „du bist eben alt“.
Du bist eben alt…
Und dann hab ich es gesehen. Da lacht die auch noch.
Da lacht die und sagt: „Das war doch nur ein Spaß“.

H. Ja, ja.

U. Die hatte ja meine Magenschmerzen nicht gehabt.
Aber so war die. Da steh ich vor ihr und will ihr drohen und…
Weiß ich nicht. Mein Finger hat einfach… peng.

H. Peng. Ja, da war es vorbei.

U. Nee, da war es eben nicht vorbei.

H. Für Elschen schon.

U. Die ganze Zeit hat die hier rum gehockt.
Wo ich hingegangen bin, war die auch.

H. Ja. Du weißt, dass du tot bist, ne?

U. Ja.

H. Ja, genau.

U. Das ließ sich ja nicht vermeiden.
Aber ich dachte, wenn ich doch ein Opfer bin…

H. Ja, sie war ja auch tot, ne?
Sie konnte dir immer folgen.
Das ist das Blöde daran, nicht?

U. Ja. Überall.

H. Ja. Aber jetzt ist sie weg.

U. Das Schlimmste war auf dem Bahnhof.
Da war sie ständig einen Meter neben mir.

H. Hm.

U. Ja. Ja, jetzt ist sie hier weg.

H. Ja. Und du hast jetzt die Chance,
dass du durch die unendliche Gnade Gottes
und durch Christus Tod Frieden findest.
Wie findest du das?

U. Ich verstehe jetzt nicht, was denn damit gemeint ist, aber…

H. Du brauchst jetzt hier nicht mehr zu sein.
Du kannst jetzt ins Licht gehen.
Du kannst in den Himmel gehen.

U. Na ja, er war ja eigentlich immer gläubig.

H. Eben, genau.
Du kannst jetzt in den Himmel gehen.

U. Ob du den Pfarrer Krekemaier kennst?

H. Nein, ich kenne doch nicht alle Pfarrer.

U. Aber der hat mal zu ihm was gesagt und das hat er geglaubt.
Es macht ja nichts, wenn man mit käuflicher Liebe zu tun hat, weil:
Das verhindert ja großes Unglück.
Eigentlich muss man eben nur ein guter Mensch sein.

H. Ja, genau.
Und das bist du ja auch.

U. Eigentlich ja.

H. Ja.

U. Aber ich lass mich nicht beklauen.
Und ich lass mich schon gar nicht vergiften. Nicht von so einer.

H. Aber das ist ja jetzt vorbei.
Ihr habt euch beide umgebracht und Elschen ist weg.
Und du hast jetzt die Chance, in den Himmel zu gehen.

U. Aber mal eine Frage…

H. Ja.

U. Aber da wartet nicht Elschen, oder?

H. Nein, nein.
Wen möchtest du denn haben, der dich abholt?

U. Meine Mutti.

H. Deine Mutti, okay.

U. Meine Mutti war eine gute Frau.
Die war auch `ne Nutte, aber die war gut.
Weißt du, die hatte so ein Herz.

H. Hm. Dann soll Mutti dich jetzt mal abholen.

U. Die ist ja viel zu früh gestorben.

H. Ja. Kannst du irgendwo ein Licht sehen, Otto?

U. Ja. Was ist denn das?

H. Ist das deine Mutti?

U. Er guckt raus.

H. Hm.

U. Da draußen ist Licht.
Da ist so ein kleiner Garten mit Skulpturen.
Er ist jetzt draußen, barfuß. Er steht direkt vorm Licht.

H. Hm.

U. Er hat noch eine Frage.

H. Ja, frag.

U. Wenn es ihm nicht passt, kann er da wieder rauskommen?

H. Ja, alles ist freiwillig dort.

U. Ach so. Weil:
Manchmal hat ihm auch was nicht gepasst, was andere gut fanden.

H. Hm. Das kann passieren.

U. Das war so wie mit dem Spreewald, den fand er nicht schön.
Andere gehen da jeden Sonntag hin. Er nicht.
Er hat lieber am Kanal gesessen.

H. Ja. Jedem das Seine.

U. Ja. Ja, klar.
Er muss dich noch was fragen.

H. Ja, frag.

U. Er hat gerade gelogen.

H. Und? Ist das so schlimm?

U. Er hat dich gerade angelogen.

H. Ach so. Du hast mich angelogen.
Ich verzeih dir.

U. Na ja, so einfach ist das nicht.

H. Nein?

U. Na ja, also …

H. Du hast das ja jetzt gebeichtet.

U. Ja. Es war ja doch anders.

H. Es war doch anders.

U. Ja. In Wirklichkeit hat er sie hingerichtet.

H. Ja, okay.

U. Sie musste knien vor ihm.
Er ist dann eigentlich doch ein Mörder.

H. Ja. Du hast es ja jetzt gebeichtet. Es ist gut.
Und die unendliche Gnade Gottes durch den Tod Jesus Christus
findet auch deinen Frieden.

U. Puh, jetzt ist er froh. Nun gut.
Es wird vielleicht kein guter Platz im Himmel.
Na ja, aber besser als hier.

H. Ja, das wird schon besser werden.
Soll dich deine Mutti abholen?

U. Ich schäme mich zu sehr.

H. Aha, gut.
Wer soll es denn sonst sein?

U. Och, egal.
Er hat immer alles alleine hingekriegt.

H. Soll Gott dich selbst abholen?

U. Oh, nee. Erst mal nicht, nee.

H. Warum denn nicht?
Oder Jesus?

U. Der hat ja auch mal einem Mörder verziehen.

H. Genau.

U. Meinst du, der versteht mich?

H. Ja, der versteht dich.

U. Da ist noch was.

H. Erzähl.

U. Ich geh da jetzt nicht rein.

H. Wo rein?

U. Wenn ich das nicht erzählen kann.

H. Ja, ja, erzähl ruhig.

U. Nicht, dass ich dann wieder rausgeschmissen werde.

H. Nein, du wirst nicht rausgeschmissen.

U. Er hat schon mal eine Frau umgebracht.
Aber das war wirklich keine Absicht. Aber da war ich so wütend.
Ich wollte einfach, dass sie aufhört, zu reden.
Und da hab ich so geschimpft. Jetzt ist sie tot.

H. Ja. Gott ist gnädig.

U. Alice Müller hieß die.

H. Christus ist für alle Seelen gestorben.

U. Ja dann, wenn sie das sagen, Herr Pfarrer,
dann krieg ich wohl doch nicht so viel Ärger da oben?

H. Nein.

U. Das ist nicht schön, wenn man so was getan hat.
Dann stirbt man lieber.

H. Na ja.

U. Und schämt sich.

H. Hm. Das ist doch schon mal was.

U. Könnten sie meiner Mutter das beibringen?

H. Nein. Ich kenne ja deine Mutter nicht.
Außer sie kommt jetzt zu uns aus dem Licht raus.

U. Nee.

H. Nein? Na gut, dann lassen wir das.
Gebeichtet ist gebeichtet.

U. Ja?

H. Hm.

U. Aber ich bereue es nicht so richtig.

H. Das ist jetzt auch nicht mehr wichtig.

U. Nein?

H. Nein.

U. Na, dann geh ich jetzt mal da rein.

Das ist jetzt niedlich.
Er zieht sich seine Hose hoch mit Hosenträger, macht die Jacke zu
und legt die Pistole ins Gras.

H. Hm.

U. Die will er nicht mitnehmen.

H. Hm.

U. Jetzt wischt er sich noch die nackten Füße am Rasen ab.
Er geht jetzt.

„Danke, Herr Pfarrer.“

H. Gern geschehen.

U. Jetzt hat er ein kleines Heiligenbildchen in der Hand.
Das ist eine Madonna. Das küsst er.
Jetzt geht er rein! Jetzt geht er rein, ganz allein.
Er springt richtig rein.

Jetzt ist gut.

Lass mich noch schauen, wie es im Haus ist.
Also, im Schlafzimmer sind Spuren. Da scheinen die immer wieder die Tötung inszeniert zu haben.
Wohnzimmer und Essbereich sind relativ frei.
Im Flur – gleich im Flur, wenn man in die Eingangstür hereinkommt –
da ist ein Spiegel und in dem Spiegel ist noch
das energetische Bild von beiden.
Den würde ich wechseln.
Den würde ich gar nicht da hängen lassen.
Das ist ziemlich rein gezogen da.

Also Spiegel weg, wirklich weg.
Nicht irgendwo anders hin hängen.

Also, Toilette, Bad, Flur und unbedingt Schlafzimmer säubern.
Schlafzimmer ist am Schlimmsten.
Da haben die anscheinend immer wieder ihren Tod inszeniert.
Und die haben das so gemacht, dass richtige Blutflecken überall sind.
Also, da muss Hilde echt Gas geben.
Sonst ist es okay.

Ja, die haben beide hier immer wieder die letzte Stunde inszeniert.
Wie so eine Spirale, die einfach nicht aufhört,
die immer wieder das Gleiche:
Sie hat ihm immer wieder Kaffee gegeben, Gift gegeben.
Er ist mit ihr ins Schlafzimmer gegangen, hat sie hingerichtet,
er hat sich hingerichtet – immer wieder.

Und sie ist, um da herauszukommen, ins Bad gegangen.
Und dann haben sie wohl nicht mehr die Kraft dazu gehabt
und sind hängen geblieben.

Gut, sonst ist alles frei.
Ich sehe hier keinen A
nderen.

H. Gut.

U. Okay, gut.