Schutzengel können auch Saboteure sein

Schutzengelkontakt

Manchmal ist es unsere Aufgabe als Schutzengel,
eure Vorhaben zu sabotieren, um etwas zu verhindern,
was eurer Weiterentwicklung schadet.

Ich bitte meinen Guide, mich mit dem Schutzengel von Rosemarie zu verbinden.
Rosemarie bittet um diesen Kontakt.

Eine Landstraße, rechts und links hohe Birken, weites Land, klarer Himmel…
Das Laub zeigt erste Ansätze einer herbstlichen Färbung, Stoppelfelder, Wiesen. Weit muss ich gehen, aber die Luft ist klar und würzig.

Ich beobachte einen Falken, langsam sinkt er in Kreisen sich drehend herab,
bis er sich schließlich auf einem alten Zaunpfahl niederlässt.
Seine Augen sind wunderschön, viel sanfter, als ich erwartet hätte.

Zu meinem Erstaunen nimmt er die Kommunikation mit mir auf.

Falke: Das Nützliche und Wesentliche vom Verderblichen trennen
ist eine schwierige Aufgabe!

U: Du beherrschst das?

F: Natürlich, das ist mein Amt! Das ist meine Wahrheit!

U: Wieso sprichst du mit mir?

F: Ich bin ihr Freund!

U: Rosemaries?

F: Ja, ich bin, was sie braucht…

U: Nämlich?

F: Die Kraft zu trennen, die Unterscheidungskraft!
Ich bins, der ihr die Gewissheit verschafft, wann es gilt,
sich zurückzuhalten und wann es gilt, zuzuschlagen.


Ich bin und wir sind einander verbunden.
Ich bin auch der, der ihr diese Sehnsucht gibt,
sich einfach tragen zu lassen vom Wind,
einfach die Flügel ausbreiten und es dem Wind überlassen,
mich dahin zu führen, wo die Aufgabe zu finden ist.

Ich bins, Rosemarie, dein Bruder.

U: Es ist ungewöhnlich, dass ein Krafttier kommt,
um mit mir zu kommunizieren…

F: Liebe ist Liebe, in welchem Kleid sie kommt, ist ganz egal.

Er dreht sich um, fliegt auf, schwingt sich in die Höhe und ich gehe weiter.
Aber dann höre ich einen Pfiff, er kommt von einer Wildrosen-Hecke vor mir.

Der Falke, dessen Flug ich immer noch beobachte,
lässt sich irgendwo dort hinter der Hecke nieder, ich folge.


Da sitzt ein älterer Mann, er trägt die Tracht eines Zimmermanns, geradeso,
wie man es heute hin und wieder noch sieht,
wenn fahrende Gesellen auf Wanderschaft gehen.
Aber er ist viel älter, sein Bart ist weiß wie seine Augenbrauen,
seine Augen dunkel, warm, aber sehr wach.

Auf seiner Hand sitzt der Falke und nimmt das Fleisch,
das der Mann ihm gibt, entgegen…

U: Bist du Rosemaries Guide?

Der Guide nickt: Ihr Guide, ihr Freund, ihr „Saboteur“…
Franz.
Ich bin der Ansicht, Franz ist ein guter, bewährter Name.

U: Saboteur? Warum nennst du dich so?

F: Ja, manchmal ist es unsere Aufgabe, eure Vorhaben zu sabotieren.
Wusstest du das noch nicht?

U: Du meinst, ihr verhindert dann, dass wir tun, was uns schadet?

F: Dass ihr tut, was eurer Weiterentwicklung schadet, ja.
Dann sind wir Saboteure…
Er setzt den Falken neben sich ab, der aber da nicht sein mag,
sondern sich auf die Schulter dieses Mannes setzt.
Der Mann lehnt seinen Kopf an einen Stamm hinter ihm.
Er schließt die Augen, als sei er müde…

U: Bist du erschöpft?

F: Nein, ich ruhe in mir, ich bin im Jetzt!
Sag mir, Wanderin, wohin führt dein Weg?

U: Ich weiß es nicht…

F: Doch, du weißt es!
Dein Weg führt dort hin, wo alle Wege aller Menschen hinführen!

U: Ja, so gesehen, klar, auch mein Weg führt ans Ende…

F: Das Ende? Der Tod?

U. Letztlich…

F: Du irrst!

U: Dann sag du es mir.

F: Dein Weg führt wie die Wege aller Menschen heim!
Alles kehrt zurück an seinen Anfang.
Siehst du die Burg dahinten?

Weit von uns entfernt sehe ich Türme und Dächer, es ist viel zu weit entfernt,
um es als Burg zu erkennen…

F: Die ferne Heimat, Wanderin, fern, aber wer Augen hat, der sieht sie.
Wenn ihr geboren werdet, dann ist es, als würde eine alte schwere Zugbrücke herabgelassen und der junge Held bricht auf zu seiner abenteuerlichen Fahrt.
Er hat nichts bei sich außer seiner angeborenen Kraft
und seiner Lust auf Abenteuer.

Er weiß nichts von Wegen, die über Gefahren führen…
Er weiß nichts von beschwerlichen Aufstiegen und finsteren Schluchten.

Alles was er weiß, ist, da irgendwo draußen liegt WUNDERBARES auf dem Weg.
Er trägt ein Säcklein mit sich.
Es ist nicht leer, darin sind alte Besitztümer,
mancher trägt von Anfang an schwer daran,
Andere haben wenig alten Besitz mitgenommen…

Aber egal, wie schwer das Säckchen schon ist:
Der junge Held hat einen unbändigen Willen, es weiter zu füllen,
Wunderbares zu sammeln und seinen Besitz anzuhäufen…

So beginnt das Leben!

Was der Held nicht weiß, aber vielleicht mit der Zeit deutlich spürt:
Solange er sich nicht weiter von der Burg entfernt, als er sie erblicken kann, solange ist er nicht in Gefahr.

U: In welcher Gefahr?

F: Sich zu verirren natürlich!

U: Aber hast du nicht gesagt: die Burg ist der Tod?

F: Nein, ich habe gesagt, die Burg ist die Heimat!
Nur solche, die in ihrem Säckchen den Besitz der Weisheit mitnehmen,
verstehen so zu wandern, dass sie diese Burg nie ganz aus den Augen verlieren, alle Anderen verirren sich.

Darum begleiten wir euch!

Wir sind die Wegweiser, wir sind die Brücken über eine tiefe Schlucht
und die Fähre über breite Wasser.
Aber wir sind auch die unüberwindlichen Steine
auf den scheinbar bequemen Wegen.

U: Dann seid ihr die Saboteure?

F: Oh ja, das sind wir und wir sind es solange,
bis ihr wieder die Burg im Blick habt.

U: Aber sag, wenn es so ist, reist dann nicht jeder Held nur im Kreis herum?
Wie will er da das Wunderbare finden?
Widerspricht sich das nicht?

F: Doch, du hast Recht.
Das Wunderbare wird euch erst wunderbar
durch die Erfahrung des Erschreckenden.

Ja, leider ist dies bei den meisten Menschen so, es sei denn,
sie bewahren sich das ursprünglich helle Gemüt.

Wenn der Held auszieht aus der Burg, dann ist ihm einfach ALLES wunderbar: Jeder Baum, jede Blume, jeder glitzernde Kiesel auf dem Weg ist ein Wunder…
Aber Wunder schwächen sich durch Wiederholung ab.

Der dritte Baum ist schon weit weniger eine Attraktion als der erste
und der hundertste Baum scheint gar keine Faszination mehr auszuüben.
Genau dann beginnt die Phase der Unruhe, des Suchens nach mehr Wundern,
der Wunsch nach aufregenderen Erlebnissen…

U: Wenn man sich in der Wertschätzung der alltäglichen Wunder
bewahren könnte, würde man dann außerhalb der Gefahren bleiben?

F: Natürlich…

U: Warum fällt uns das so schwer?

F: Wenn ihr außerhalb der Gefahren bleiben würdet,
hättet ihr dann je das Erlebnis, aus ihnen gerettet zu sein?

U: Nein! Wir suchen diese Erlebnisse, um ein Bewusstsein dafür zu bekommen, gerettet zu werden?

F: Hm, entweder das oder um zu erleben, euch selbst retten zu können.
Ihr sucht die Begegnung mit der Geborgenheit, die tiefer geht alles,
alles Andere und doch außerhalb der Burg liegt.

Ihr sucht, die Größe des Seins zu erfahren.
Ihr versucht wie unser Falke hier den Wind, ob er euch dahin zu tragen vermag, wo es gut ist…

U: Dann probieren wir durch unsere Umwege oder auch Abwege etwas aus, meinst du das?

F: Ja…

U: Ich hab immer noch nicht verstanden, was wir ausprobieren…

F: Nenne es Gott!

U: Wir wollen ALLE eine Gotterfahrung machen?

F: Alle!

U: Ich kenne viele Menschen, die weit davon entfernt sind…

F: Sie wissen es nur nicht, aber sie machen diese Erfahrungen.
Sie suchen Gott, alle Menschen tun das.
Sie nennen es anders, aber sie tun es.

Das ist Menschenart, so wie es die Art des Falken ist, zu fliegen.
Alle, die sich vom Anblick der Burg entfernen, probieren aus,
wie weit Gott reicht und wer er ist.

Am Beginn der Wanderung ist der Held und Gott vereint.
Der Burgherr IST Gott und der Held kennt ihn als Vater.
Er spürt, dass er ihm in vielen ähnlich ist.

Solange er die Burg im Blick hat, vergisst er nicht einen einzigen Augenblick, dass er Kind und Gott Vater ist.
Aber wenn der Weg weiter führt, kommen ihm Zweifel.
Er fängt an, nicht mehr darauf zu vertrauen,
dass dort von der Burg Hilfe kommen könnte,
sondern er setzt GANZ auf sich selbst!

Er vergisst sogar seine Kindheit und seinen Ursprung…

U: Dazu muss er aber weit vom Anblick der Burg entfernt sein, oder?

F: Oh ja! Denk nur an all jene, die sich weigern, den Blick darauf zu richten,
dass es diese Burg überhaupt gibt!

U: Das sind die, die den Tod möglichst als Tatsache ausklammern?

F: Ja, genauer gesagt sind es die, die die Tatsache ausklammern,
dort in die Burg wieder zurückkehren zu müssen.


Sie müssen alles SELBST tun, sie erwarten Göttliches von sich.

Sie erwarten, dass es nichts geben darf, das sie nicht „im Griff“ haben!
Und solange sie alles kontrollieren können, solange halten sie daran fest,
zu behaupten, dass ihr Weg NICHT zurück zur Burg führt.


Einige von ihnen glauben sogar, wenn sie ihr Leben über den Tod hinaus kontrollieren und sich einfach weigern, in die Burg zu gehen.
Dann sind sie ganz sicher Gott!

U: Sind das die, die sich suizidieren?

F: Einige von ihnen, nicht alle.

U: Die gehen also nicht zurück in die Burg, weil sie Angst haben?

F: Ja, weil sie Angst haben, dass es ein schwerer Irrtum war, selbst Gott zu sein. Sie wollen ihm nicht begegnen,
um sich nicht in ihrer Kindlichkeit akzeptieren zu müssen.
Es macht ihnen große Angst, zu erkennen, dass sie wie alle Kinder bedürftig sind. Dass sie eben noch NICHT groß sind, sondern klein.

U. Aber die überfordern sich doch ein Leben lang!

F: Ja, und es sind nicht wenige junge Helden,
die genau diese Überforderung im Säckchen haben,
wenn sie die Burg verlassen, um ihren Weg der Wunder zu gehen…


Und wenn sie merken – irgendwann, vielleicht bei ihrer hundertsten Reise –
dass dieser BESITZ zu schwer ist, dann legen sie ihn ab.
Sie wollen diesen Besitz tauschen gegen ein Wunder,
das ihnen da draußen passiert.

U: Das sind die Menschen, die schon gemerkt haben,
dass sie nie alles unter Kontrolle haben.

Aber wenn ich dich richtig verstanden habe,
dann entfernen auch die sich vom Anblick der Burg?

F: Ja, auch sie gehen weit.
Und sie gehen auch gefährliche Wege.

Die Ersten wollten den Beweis, dass sie alles SELBST kontrollieren können.
Die Zweiten wollen den Beweis, dass Gott ALLES kontrolliert.

U: Aber das tut er doch!

F: Diese Menschen versuchen aber, wo das aufhört!

U: Die versuchen, wie weit sie gehen können, bis Gott was tut?
Sie rettet?

F: Oder straft! Letzteres ist sehr beliebt in einigen Religionen.

U: Das scheint mir sehr gefährlich:
Sie entfernen sich von der Gewissheit, dass es diese Burg immer gibt,
wollen aber gerettet werden?

F: Du sagst es!

U: Die probieren also wie ein Kind – das manchmal etwas tut – aus,
wie weit sie gehen können?

F: Sie sind ja Kinder…

U: Was finden sie? Finden sie den rettenden Gott?

F: Erst wenn wir sie zurück zum Anblick der Burg geführt haben.
Sie müssen lernen, dass man sich nicht von der Wahrheit entfernen kann
und gleichzeitig nah bei ihr sein kann.

U: Was ist diese Wahrheit?

F: Die Wahrheit ist, dass Menschen weder Gott selbst sind
noch völlig Unwissens, was gut und richtig ist.

Sie sind weder allmächtig, noch völlig ohnmächtig.
Weder Erwachsene, noch Baby, sondern ein Kind!
So wie ein zweijähriges Kind seine Welt zu entdecken hat,
dies aber sinnvollerweise im Blickfeld der Eltern tut, so auch ihr.

Aber das ist eben – wie ich schon sagte – Menschenart,
diese Weisheit nicht von Beginn an zu haben.

Diese Wahrheit der Kindschaft, die weder Ohnmacht noch Allmacht ist,
ist die wichtigste Voraussetzung eurer Weiterentwicklung als Seele!


Das scheinbar Paradoxe ist hier wahr:

Eure Vollkommenheit habt ihr erreicht,
wenn ihr eure Kindschaft erkannt habt.

U: Und dabei hilft uns der Anblick der Burg?

F: Ja. Und es liegt in unserer Aufgabe, euch diesen Anblick nicht zu ersparen. Wenn eure Wege zu weit wegführen, legen wir Steine in den Weg,
reißen Brücken ein und versenken Schiffe.
Dann sind wir Saboteure.

U: An deinen Worten werden sich viele stoßen…

F: Ich weiß, das ist unsere Art.
Auch an Rosemaries Worten stößt sich so mancher.

Sag mir, wie ist es mit dir:
Stößt du dich an meinen Worten?

U: Eher frage ich mich, wie ich mir die Freude
am Anblick der Burg bewahren kann…

F: Das brauchst du gar nicht!
Du sollst deinen Blick gar nicht ständig auf die Burg gerichtet halten,
welches Wunder könntest du dann je finden?

Gar keines!
Einige wenige Menschen tun das,
aber die gehen mit einem leeren Säckchen heim.
Es reicht völlig, zu wissen, dass diese Burg da ist
und dass jeder Weg dorthin führen wird letzten Endes.


Sonst brauchst du nichts weiter zu tun,
als deine tägliche Aufmerksamkeit den täglichen Wundern zu öffnen.


Du brauchst nichts weiter tun, als zu verstehen,
dass auch der tausendste blühende Baum noch wunderbar ist
und der millionste Kieselstein, der in der Sonne leuchtet.

U: Der beste Weg ist der, dankbar und fröhlich zu sein über das, was da ist? Versteh ich dich richtig?

F: Dankbar, fröhlich, aber auch interessiert, wissbegierig und zuversichtlich.
Ja, das ist der beste Weg.

Alles das habe ich nicht deinetwegen diktiert,
sondern damit Rosemarie versteht: sich versteht und die Anderen.


Versteht, dass jeder Mensch auf seinem Weg um die Burg herumgeht.
Manche müssen sich einfach verirren, um zu lernen.
Nur wenige halten es aus, im Bewusstsein der Burg
ein fröhliches Herz zu bewahren.

Rosemarie, es ist nicht DEINE Aufgabe, den Verirrten Steine in den Weg zu legen, Brücken einzureißen oder Schiffe zu versenken, damit sie umkehren!

Das ist unsere Arbeit, sei sicher, wir tun es, wenn es sinnvoll ist!


Es ist nicht deine Aufgabe, Menschen davor zu bewahren, ihre Abwege zu gehen.
Sie lernen dabei und sei es auch erst nach vielen, vielen
schwer beladenen Säcken, die sie in die Heimat bringen…

Erfahrung ist nicht durch Verständnis zu ersetzen.

Belade dich nicht damit!

Denn dann gerätst du in Gefahr, dich für so göttlich zu halten,
die Wege der Menschen zu leiten.

Es gibt immer wieder Menschen, die von jener zweiten Sorte,
die ausprobieren, wie weit sie sich von der Burg entfernen können…


Sie haben es gern, wenn DU ihnen sagst, dass sie jetzt zu weit gegangen sind…

Aber dass du es SAGST, bewirkt keine Veränderung in ihnen!
Sie MÜSSEN es einfach erleben, dass es wahr ist.

Darum, liebe Rosemarie: Alles, was du tun kannst, ist:
Ihnen zu helfen, die alltäglichen Wunder wieder zu sehen.

Alles, was du tun kannst, ist, sie darauf aufmerksam zu machen,
WAS an Gutem da ist, vor den Füßen liegt.


Wenn du das tust, dann schärfst du gleichzeitig DEIN Bewusstsein dafür!

Du sehnst dich nach Freiheit, du sehnst dich danach,
deine Flügel auszubreiten und mit dem Wind des Lebens segeln zu können.

Nun, hier ist sie, die Freiheit, dies ist der Wind, der dich trägt!
Flieg, tu es einfach, breite deine Flügel aus und schau auf die Heimat…
Was kann dich noch schrecken, wenn du dir ihrer Nähe stets bewusst bist?

U: Vielen Dank, Franz. Das war ein sehr spannendes Erlebnis mit dir,
du hast mich sehr nachdenklich gemacht.
Darf ich dir jetzt die Fragen von Rosemarie stellen?

F: Natürlich darfst du, das beantworte ich gern.
Ich bin sehr froh, dass ich diese Möglichkeit in dieser Phase ihres Lebens habe.

U: Rosemarie fragt, warum du ihr Guide bist?

F. lachend: weil ich dich sehr liebe!
Dieses Leben war unser letztes gemeinsames.
Diese Tracht, dieses Land, wir waren tatsächlich Tischler,
ich war dein Meister und du der beste Geselle, den ich je hatte.

Aber ich wurde krank, meine Augen versagten zunehmend.

Ich lebte in einer kleinen Stadt unweit deiner heutigen Heimat.
Du hattest fast schon dein Ziel erreicht, nur noch ein halbes Jahr
und der Meisterbrief wäre dir sicher gewesen.

Da hat deine Wanderung dich zu mir geführt.
Zwischen uns war vom ersten Tag an eine tiefe Vertrautheit.
Wir liebten unsere Arbeit beide sehr, und soviel du von mir lerntest,
so viel konnte ich von dir lernen.
Ich war ein sehr nachdenklicher Mensch, genau wie du.
Und ich hatte meine ganz eigenen Gedanken über die Welt,
die Menschen und Gott, genau wie du.

Nicht jedem war das recht.
Wir waren anders und das nahm so mancher übel, auch in der Gilde.
Wir konnten beide nie den Mund halten, wenn es um Missstände ging.

Und damals galt, was auch heute gilt:
Die Welt liebt es nicht, aus ihrem Schlaf gerüttelt zu werden!

Aber wir waren so voller Freude, uns begegnet zu sein,
ich fühlte mich nicht mehr allein und du auch nicht.


Wir erkannten in einander die Seelenverwandtschaft.
Du warst fast vier Monate bei mir, als die Blindheit plötzlich derart mächtig wurde, dass ich es nicht mehr verbergen konnte.
Du hättest nach den Regeln der Gilde zu diesem Zeitpunkt
zu einem anderen Meister gehen müssen.

Aber du bist geblieben! Du hast MEINE Arbeit übernommen.
Dadurch hast du mich und meine Frau vor bitterer Armut bewahrt.
Aber du selbst hast dafür einen hohen Preis bezahlt.

Du hast deinen Meisterbrief nie bekommen.
Du bist nach meinem Tod von einem Betrieb zum nächsten gezogen
und letztlich hast du dich in einem Steinbruch verdingt.

Bis zu deinem Tod warst du jemand, der nie die Chance bekommen hat,
zu nutzen, was er gelernt hat.

Wenn ich dich heute begleite, dann um dir zu helfen,
das zu nutzen, was du gelernt hast.

Deine Seelen-Erfahrungen einzusetzen und dich an deinem Wissen zu freuen.
Du hast völlig recht, es gibt immer einen Ausgleich, Rosemarie.
Manchmal kommt er aber auch erst in einem späteren Leben.
Ich möchte dir in diesem Leben die Last aus deinem Säckchen holen,
die in dem Glaubenssatz liegt:
Letztlich ist alle Mühe umsonst!

U: Rosemarie fragt, welche Aufgabe sie noch zu erledigen hat?

F: Den Blick schärfen, Rosemarie, den Blick für die Wunder,
die vor den Füßen liegen.
Und deine Freiheiten zu genießen, die sich daraus ergeben.

Du bist zu sehr damit beschäftigt, zu helfen,
Andere näher zur Burg zu „schleppen“, das brauchst du gar nicht.

Aber du hast die Gabe, die alltäglichen Wunder noch zu sehen,
das ist ansteckend!

Sei gewiss, daran kommt letztlich keiner vorbei, wenn er das bei dir miterlebt.

Die Sache ist nur die, dass du dir das selten erlaubst!

Glaubst du immer noch, du KÖNNTEST Anderen irgendetwas BEWEISEN?
Alle Menschen finden immer nur die Beweise, die sie finden WOLLEN.
Daran kannst du gar nichts ändern. So wenig wie wir.
Dabei stehen uns mehr Mittel zur Verfügung.


Du musst nichts beweisen, du musst nicht den Nachweis erbringen,
dass du richtig bist, das Richtige willst und kannst…

Alles, was du tun musst, ist einfach so zu sein, wie du bist.

Es ist schwer, ich weiß, ja, so fröhlich zu werden, das ist nicht gerade das Programm in deiner Familie, die ununterbrochen sagt:

Leben ist eine ernste Angelegenheit!
Was fällt dir nur ein, die Dinge leicht zu nehmen?

Ha! Aber du hast die Kraft des Falken,
du kannst die Dinge aus der Distanz beurteilen und dann Entscheidungen treffen, was nützlich ist und was verwerflich…

Da darf man durchaus fröhlich sein, da darf man durchaus das Leben lieben!

Hüte dich davor, die Einseitigkeit deiner Sippe zu kultivieren.
Sie neigt dazu, die Dinge in Schwarz oder Weiß zu sehen, am liebsten Schwarz…

Ich finde, es ist genug.

Du hast die Kraft dazu, zu vertrauen in das, was größer ist als du,
ohne dabei zu übersehen, dass du auch eigenverantwortlich bist.


Leben ist nicht Schwarz / Weiß.
Auch das finsterste Tal bringt Blumen hervor…

Das weißt du, lass dich nicht mehr verleiten, es anders zu sehen.
Die Versuchungen deiner Sippe hinter dir zu lassen,
ist deine derzeit bedeutendste Aufgabe.

U: Welche Aufgabe hat sie aus vergangenen Inkarnationen mitgebracht?

F: Wie bei allen Menschen hattest du einige Aufgaben in deinem Säckchen,
ich kann mich nicht nur auf eine beziehen.

Aber ich möchte die herausstellen, die am stärksten schmerzt:
Rosemarie, da ist die Angst deiner Seele, ohne die Zustimmung,
bzw. den Applaus der Anderen nichts zu sein!


Das war auch hier eine deiner Erfahrungen.
Du konntest viel, du warst ein sehr, sehr guter Tischler.
Aber die Anderen in der Gilde haben nicht auf das geschaut,
was du konntest, sondern nur darauf, ob die Formalität erfüllt war.

Das war sie nicht, du hattest den Meisterbrief nicht.
Ganz egal, wie gut du warst, es gab keinen Erfolg, keinen Applaus…

Mit dem Ergebnis, dass alle Anstrengung letztlich umsonst war.

Dieses Leben, um die Anerkennung ringen müssen
und vergeblich danach suchen, hängt dir nach.

Immer noch beschäftigt dich dieser Gedanke:
Wie, was, wo kannst du noch erlernen, verbessern
und zur Vollendung bringen, damit du anerkannt wirst.

Weißt du, ich erinnere mich an einen Schrank, den du hier gemacht hast.
Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich habe ihn abgetastet.
Das feine Schnitzwerk, die zarte Struktur, die du der Oberfläche gegeben hast,
er war PERFEKT!

Dieser Schrank existiert heute noch, er ist immer noch PERFEKT
und seinen heutigen Besitzern ist es völlig egal,
ob ein Meister in gemacht hat oder ein Geselle:
Er IST meisterhaft!

Versteh bitte, es macht keinen Sinn,
den Selbstwert von der Zustimmung Anderer abhängig zu machen.

Der Selbstwert deines Seins ergibt sich ganz von selbst.
Der ist unabhängig vom Beifall, er bezeugt sich selbst innerhalb der Menschengemeinschaft, in der du lebst.
Du würdest gefehlt haben, wenn du nicht geboren wärest.
Denk einmal nach, wie vielen Menschen und Tieren du gefehlt hättest!

U: Woher kommt das Misstrauen und die Angst vor Ärzten und Krankenhäusern?

F: Die kommt aus deiner zweiten Ahnenreihe, von beiden Seiten.
Es kam damals einem Todesurteil gleich, operiert zu werden,
Rosemarie, aber es ist nicht DEINE Last.

Dein Teil dabei ist, außerhalb jeder Kontrollmöglichkeit zu sein!
Hier bedarf es eines klügeren Vorgehens.
Was ist ein Patient?
Ein Opfer, solange er nichts weiß!
Angst entsteht durch Nichtwissen!
Lass es niemals zu, nicht genügend zu wissen.
Steh zu deiner Art Angst, sag dem Arzt, wie es um dich steht.
Und vertrau dich nur Ärzten an, die das verstehen.

U: Wieso geschehen ihr bei ihren Geschwistern immer wieder
so schreckliche Dinge wie Mord und Selbstmord,
ohne dass sie es verhindern kann?

F: Rosemarie, es liegt unerlöste Last auf der Ahnenreihe,
deine Geschwister haben beide Seiten aufgezeigt, sind aber nicht die Ursache.

Du musst dich viel mehr mit deinen Vorfahren beschäftigen.
Dort findest du Opfer und Täter und beide suchen nach Vergebung…

Du konntest das nicht aufhalten, aber du kannst helfen,
dass sie in den Frieden kommen, den sie verdient haben,
und so das Feld freimachen für weitere Generationen.
Es ist genug gelitten!

Die Verwundung ist klar, aber der Schmerz noch nicht genug gewürdigt.

U. Wer ist ihre Seelenfamilie?

F: Die Kämpfer.

U: Ich danke dir, Franz, und ich hoffe sehr, dass es Rosemarie hilft.

Franz beugt sich nach unten und hebt eine schöne Falken-Feder auf,
die er mir für dich gibt:
Sag ihr, es wird ganz leicht, sobald man erst einmal angefangen hat,
zu verstehen…

U: Mache ich…

F: Sag ihr: Und ich hätte ich Flügel der Morgenröte
und flöge bis ans äußerste Meer, so wärst du, Vater, doch bei mir.

Er verabschiedet sich, der Himmel verfärbt sich
zu einem wunderschönen Sonnenaufgang und Franz geht mit der Sonne.